Intro

von Cay Dobberke

Veröffentlicht am 21.12.2018

von besinnlicher Weihnachtsstimmung war der BVV-Stadtentwicklungsausschuss noch weit entfernt, als es dort in dieser Woche wieder einmal um Wohnungsbauprojekte ging, denen Bestandsmieter weichen sollen. „Wirklich widerlich“ nannte der Linken-Fraktionschef Niklas Schenker die „systematische“ Entmietung des Häuserblocks an der Fechner-  und Uhlandstraße, den Passanten wegen der bis zur Berliner Straße reichenden Reihe von Imbisslokalen kennen. Die Immobilienfirma Krieger + Schramm will die Gebäude für ihr Wohnungsbauvorhaben „Uhland House“ abreißen. Allerdings hält Stadtentwicklungsstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) die Pläne wegen der hohen Baudichte für „wohl nicht genehmigungsfähig“.

Die Bezirkspolitiker sollten „dankbar sein für die Stadtreparatur“ an der hässlichen Ecke, fand der Architekt Christoph Schwebel, von dem die Neubauentwürfe stammen. Doch nur die FDP-Fraktion lobte den Investor. Die mehrheitliche Meinung im Ausschuss brachte Hans-Joachim Fenske (CDU) so auf den Punkt: „Sie haben vergessen, die Mieter mitzunehmen!“ Wolfgang Tillinger (SPD) kritisierte den Versuch, „das Haus leer zu ziehen, um die Abrissgenehmigung zu bekommen“. Tatsächlich steht die Hälfte der 24 Wohnungen schon leer. Den übrigen Mietern wurde ebenso gekündigt wie den Wirten der Lokale.

Die Zahl der Mietwohnungen steige auf 103, betonten Architekt Schwebel und Krieger+Schramm-Niederlassungsleiter Mirko Fiedler. Dabei geht es um ungewöhnlich kleine Wohnungen mit 23 bis 66 Quadratmetern Fläche und überwiegend nur einem Zimmer. Eine bisherige Mieterin sagte, auf ihre Frage nach einer Rückkehr in den Neubau habe man ihr geantwortet: „Nein, die neue Miete können Sie sich nicht leisten.“ Jetzt zeigte sich der Investor kompromissbereit. Ausschussmitglieder regten an, den Mietern an gleicher Stelle neue Wohnungen zu Quadratmeterpreisen unter acht Euro anzubieten. „Darüber kann man reden“, sagte Fiedler. Trotzdem blieb fraglich, ob die BVV dem Abriss und Neubau zustimmen wird. Ohne die Einwilligung des Bezirks wäre das Projekt nicht machbar auch weil der öffentliche Gehweg in der Uhlandstraße mit einer Kolonnade überbaut werden soll.

Einen ähnlichen Fall gibt es am Ludwigkirchplatz. Der Eigentümer von sieben benachbarten Häusern an der Pariser / Ecke Emser Straße plant zwar keinen Abriss, aber Umbauten und Modernisierungen. Dies könnte zu höheren Mietpreisen oder einer Umwandlung in Eigentumswohnungen führen. Viele der 70 Wohnungen stehen längst leer, manche davon schon seit zwei Jahren. Sobald jemand mehr oder weniger freiwillig auszog, entkernten Handwerker die Räume und rissen dabei auch die Fußböden heraus.

Einer der Mieter im Gebäudeteil an der Emser Straße klagte dagegen, unter anderem, weil der Brandschutz nicht mehr gewährleistet sei. Die Bauaufsicht hatte im März eine Mängelbeseitigung verlangt, die der Vermieter bisher nicht nachgewiesen hat. In dieser Woche kam eine Amtsrichterin zu einer „Inaugenscheinnahme“ ins Haus, während Mitglieder der SPD Charlottenburg-Wilmersdorf draußen demonstrierten. Wie der Prozess ausgeht, blieb offen. Die SPD kündigte an, den Fall im BVV-Stadtentwicklungsausschuss zu thematisieren. „Der vorhandene preiswerte Wohnraum muss erhalten bleiben“, hieß es auf einem Flugblatt.

Spannend könnte es Anfang 2019 werden. Denn zum Jahreswechsel läuft eine Leerstandsgenehmigung aus, die das Bauamt wegen der angekündigten, bisher aber nicht erkennbaren Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten gewährte. Gemäß dem Zweckentfremdungsverbot müsste der Hauseigentümer die Wohnungen nach dem Ablauf der Frist eigentlich wieder vermietbar machen.

Cay Dobberke, geboren in Berlin, wohnt seit mehr als 25 Jahren in Wilmersdorf. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an leute-c.dobberke@tagesspiegel.de

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