Intro

von Cay Dobberke

Veröffentlicht am 15.03.2019

wie geht man mit Straßennamen um, die an die deutsche Kolonialzeit erinnern? Unter dem kämpferischen Titel „Keine Ehrung für Kolonialverbrecher und Rassisten“ hatte die Charlottenburg-Wilmersdorfer Linksfraktion bereits im November 2017 die Umbenennung der Wissmannstraße in Grunewald beantragt. Über die Frage, wie gut oder böse der Afrikaforscher, Kolonialbeamte und Offizier Hermann von Wissmann (1853 bis 1905) war, haben wir schon einmal berichtet. Unter anderem schlug er 1889 den Aufstand der ostafrikanischen Küstenbevölkerung nieder. Tausende Menschen starben damals, darunter Frauen und Kinder.

Nun stimmte die rot-rot-grüne Mehrheit im BVV-Kulturausschuss für die Straßenumbenennung. Der endgültige Beschluss in der BVV ist nur noch eine Formsache. Für ein „angemessenes Gedenken an die Kolonialgeschichte“ müsse „ein Prozess mit dem Ziel der Umbenennung der Wissmannstraße“ eingeleitet werden, steht in einem Änderungsantrag der SPD, Grünen und Linken. Gemeinsam mit dem Bündnis Decolonize Berlin und anderen Organisationen soll die BVV eine Bürgerveranstaltung einberufen, um die Gründe zu erläutern und Vorschläge für einen neuen Namen zu diskutieren.

Künftig könne eine Informationsstele daran erinnern, warum die Straße 1898 nach Wissmann benannt wurde, heißt es weiter. Nötig seien auch „ein stadtweites Konzept zur kritischen Auseinandersetzung mit der kolonialen Geschichte Berlins“ und zentrale Gedenkorte.

Zuvor hatte die FDP-Fraktion in einem eigenen Antrag angeregt, „einen offenen Prozess zu initiieren“, bei dem „die Erinnerungskultur der deutschen Kolonialgeschichte auf dem Prüfstand steht“ und Anwohner über die „eventuelle Straßenumbenennung“ informiert werden. Zusätzlich schlug auch die FDP eine Stele vor, die über „die Person Wissmann aufklärt“. Für die AfD erklärte Fraktionschef Michael Seyfert, man könne zumindest dem FDP-Antrag zustimmen  wenn er weiter gefasst würde und der Hinweis auf die Kolonialzeit entfalle. Der CDU-Verordnete Christoph Brzezinski hielt es „nicht für den richtigen Weg, Geschichte aus dem Straßenbild zu entfernen“ – unabhängig davon, wie man diese bewerte.

Die Anwohnerin Barbara Gstaltmayr regte an, die Straße nach der jüdischen Familie Barasch zu benennen. Vor ihrem Wohnhaus an der Wissmannstraße 11 erinnert ein Stolperstein an den im KZ Sachsenhausen ermordeten Vorbesitzer des Grundstücks, Artur Barasch. Vor fünf Jahren startete Gstaltmayr eine Initiative für einen dortigen „Bürgergarten“ zum Gedenken an die Verfolgung der Familie in der Nazizeit. Doch ein neuer Eigentümer des Gartens errichtete stattdessen ein Wohngebäude.

Auch in Neukölln gibt es eine Wissmannstraße. Nach langen Diskussionen stimmte die dortige BVV vor einem Jahr für die Umbenennung. Der dabei angekündigte „Dialogprozess“ mit Anwohnern hat in Neukölln allerdings noch nicht begonnen.

Cay Dobberke, geboren in Berlin, wohnt seit mehr als 25 Jahren in Wilmersdorf. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an leute-c.dobberke@tagesspiegel.de

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