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von Cay Dobberke

Veröffentlicht am 14.06.2019

um den neuen Zaun am Halensee-Ufer neben der öffentlichen Liegewiese und das dortige Badeverbot gab es viel Streit in der letzten Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) vor der Sommerpause. Nicht nur wegen der sommerlichen Temperaturen im Rathaus Charlottenburg kam es am Donnerstag zu hitzigen Diskussionen. Die SPD-Fraktion prangerte den Bau des Zauns als „unverschämte Provokation“ der Bürger und der vorab nicht informierten BVV an.

Ein Dringlichkeitsantrag der Sozialdemokraten, die Einzäunung zu entfernen und „innerhalb von 14 Tagen“ wieder den freien Zugang zum See zu ermöglichen, fand eine ungewöhnlich breite Mehrheit. CDU, Linke und AfD stimmten zu. Die FDP und die Grünen enthielten sich  letztere wohl auch, weil der zuständige Bau- und Umweltstadtrat Oliver Schruoffeneger aus ihren Reihen stammt.

In den Sommerferien „werden wir eine deutliche Verbesserung des Zugangs zum See erreichen“, kündigte Schruoffeneger etwas nebulös an. Er unterscheidet zwischen dem Badeverbot, das wegen der Belastung mit Kolibakterien gelte, und der Einzäunung, welche die Ufervegetation mit Schilf gemäß dem Landschaftsplan des Landes Berlin aus dem Jahr 1991 schütze. In den nächsten Wochen soll ein Gutachten klären, wie der Bezirk am besten mit dem Landschaftsplan umgeht. Die öffentliche Kommunikation sei „katastrophal“ gewesen, gibt der Stadtrat zu.

Etwa 60 Badelustige demonstrierten am Mittwoch am Seeufer, darunter einige der Nudisten, die zu den häufigsten regelmäßigen Besuchern der Wiese gehören. Besonders unverständlich finden es die Kritiker, dass die Wasserqualität angeblich nur im „Ku’damm-Beach“ (der Strandbar im früheren Freibad) ausreichend gut sein soll. Dort kostet der Eintritt 12 Euro. Bei der Kundgebung machten Verschwörungstheorien die Runde, wonach der private Betreiber der Strandbar bevorzugt werde. Nach unserer Kenntnis deutet allerdings nichts darauf hin.

Warum reicht der Filter nicht? Die Berliner Wasserbetriebe haben über der Liegewiese eine Anlage gebaut, die Regenwasser säubert, weil der Halensee keine natürlichen Zuflüsse hat. Laut Schruoffeneger existieren jedoch zwei weitere Regenwasserleitungen, deren Filter kaum funktionieren. Vor allem bei Starkregen führe das zu sehr schlechten Messwerten.

Auf die spannendste Spur führt der CDU-Bezirksverordnete Hans-Joachim Fenske. Für die Belastung mit Fäkalkeimen seien wohl Reisebus-Fahrer verantwortlich, die am Avus-Parkplatz ihre Bordtoiletten illegal selbst säuberten, statt dort die gebührenpflichtige Entsorgungsanlage zu nutzen. Abwasser vom Parkplatz gelangt ebenfalls in den Halensee. Laut Fenske haben die Wasserbetriebe ihm bestätigt, dass ihr Filter „keine Fäkalienreinigungsanlage“ sei.

Unterdessen loben Bürger wie unser Leser Hans Markert, der Protestunterschriften gegen den Zaun und das Badeverbot gesammelt hat, den BVV-Beschluss als „hervorragendes Beispiel, dass bürgerschaftliches Engagement sich lohnt und zu guten Ergebnissen führen kann“. Markert und einige Mitstreiter verfolgten die Debatte auf der Besuchertribüne und berieten danach draußen über ihr weiteres Vorgehen. „In der euphorischen Stimmung war die Bereitschaft groß, durch aktive Mithilfe die wieder hergestellte alte Badestelle zu verbessern,“ sagt Markert. Unter anderem gehe es um die gefährliche Steintreppe. Nun wollen die Bürger dem Bezirksamt anbieten, sich „teils durch Arbeitseinsatz und teils finanziell“ an Umbauten zu beteiligen.

Wie die BVV-Fraktionen über die Situation am See denken, können Sie ausführlich im Thema des Monats auf der Webseite des Bezirks lesen.

Cay Dobberke, geboren in Berlin, wohnt seit mehr als 25 Jahren in Wilmersdorf. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an cay.dobberke@tagesspiegel.de

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