Intro

von Cay Dobberke

Veröffentlicht am 12.07.2019

nach dem Tod einer Radfahrerin im verkehrsberuhigten Kiez um den Karl-August-Platz habe ich am Donnerstag in der Rolle eines Autofahrers getestet, wie sich das Tempolimit in der Praxis anfühlt. Durch den mittleren Teil der Krummen Straße, die als Spielstraße (amtlich: „verkehrsberuhigter Bereich“) ausgewiesen ist, fuhr ich also mehrmals mit der vorgeschriebenen Schrittgeschwindigkeit. Das bedeutet nach einigen Gerichtsurteilen maximal 7 Stundenkilometer. Manche Gerichte sehen die Grenze etwas höher bei 10 oder 15 km/h aber immer bei „deutlich weniger“ als Tempo 20.

Erwartungsgemäß fuhren einige ungeduldige Autobesitzer sehr dicht auf, als mein Wagen gemächlich mit Tempo 7 bis 10 durch die Krumme Straße rollte. Immerhin wurde ich nicht angehupt oder mit Lichtsignalen bedrängt. Trotzdem hält sich fast niemand an die Schrittgeschwindigkeit oder Tempo 30 in benachbarten Straßen. Unter Anwohnern sind die vermeintlich beruhigten Zonen als Raser-Strecken verrufen. Rätselhaft scheint, warum die wenigen Fahrbahnschwellen so flach sind, dass sie nicht als Hindernis bezeichnet werden können.

Das gilt unabhängig von der Frage, ob zu hohes Tempo die Ursache des Todesfalls war. Die Polizei kann dazu noch nichts sagen. Zum Hergang ist nur so viel bekannt: Am frühen Mittwochabend bog der 78-jährige Fahrer eines VW Touran aus der Krummen Straße nach links in die Schillerstraße ab, wo die Radlerin gerade die Fahrbahn überqueren wollte. Das Auto überrollte die 55-Jährige, die trotz schneller ärztlicher Hilfe noch am Unfallort verstarb. Zuvor hatten Anwohner vergeblich mit Wagenhebern versucht, die unter dem VW eingeklemmte Frau zu retten.

Zur Mahnwache an der Unfallstelle rufen für den heutigen Freitag ab 17.30 Uhr der Verein Changing Cities und der Fahrradklub ADFC Berlin auf. Letzterer wird dann auch wieder eines der weißen „Geisterfahrräder“ aufstellen, die an getötete Berliner Radler erinnern.

Cay Dobberke, geboren in Berlin, wohnt seit mehr als 25 Jahren in Wilmersdorf. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an cay.dobberke@tagesspiegel.de

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