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von Cay Dobberke

Veröffentlicht am 26.07.2019

geht Sicherheit auch schöner? Am Breitscheidplatz stellen sich viele Berliner und Touristen diese Frage, seit die Maßnahmen zum Schutz vor einem erneuten Terroranschlag massiv verstärkt wurden. Die mit Sandsäcken gefüllten schwarzen Gitterkörbe und die schweren stählernen Fußgänger-Schleusen mit Pollern findet niemand hübsch. Vor Politikern und Anrainern aus der City West stellte Innensenator Andreas Geisel (SPD) soeben ein neues Konzept vor. Die ungewöhnlichste Idee ist ein großer „Berlin“-Schriftzug  diese Barriere soll zur Touristenattraktion werden.

An dem Treffen im Rathaus Charlottenburg nahmen Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD), Ordnungsstadtrat Arne Herz (CDU), Pfarrer Martin Germer von der Gedächtniskirche sowie Vertreter der AG City und des Berliner Schaustellerverbands teil. Letzterer veranstaltet den Weihnachtsmarkt, auf den ein Islamist mit einem gestohlenen Lkw den Anschlag im Dezember 2016 verübt hatte. Zwölf Menschen starben, 55 wurden zum Teil schwer verletzt. Es ist wohl kein Zufall, dass das jetzige Gespräch kurz nach der Veröffentlichung eines Briefs stattfand, in dem Pfarrer Germer negative Folgen der Sicherheitsmaßnahmen angeprangert hatte.

Der „Berlin“-Schriftzug ist an der Ecke Kant- und Budapester Straße geplant, wo der Attentäter mit dem Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt gerast war. Zwei Meter hohe Stahl-Buchstaben sollen auf einem Betonsockel stehen, der einen Meter emporragt. Damit gewinne die Stadt einen „neuen ikonischen Anziehungspunkt“, sagte Senator Geisel dem Tagesspiegel. „Egal ob Amsterdam, Tel Aviv oder Porto: Überall wo Städtenamen auf öffentlichen Plätzen geschrieben stehen, versammeln sich die Menschen, um Fotos zu machen.“

Außerdem sollen neue Poller ober- und unterirdisch miteinander verbunden werden, um die nötige Stabilität zu erreichen. Versenkbare Poller seien dagegen unmöglich, weil die U-Bahntunnel zu dicht unter dem Boden lägen, sagt Innenverwaltungs-Sprecher Martin Pallgen. Teile der Mittelstreifen in der Budapester Straße und der Tauentzienstraße werden auf 50 Zentimeter erhöht, um das Überfahren zu erschweren. An der Ecke Rankestraße entfällt die Durchfahrt im Mittelstreifen der Tauentzienstraße.

„Sicherheit schaffen, ohne Angst zu erzeugen“, nennt Geisel als Ziel. Dafür habe man sich „mit vielen Experten ausgetauscht und in vielen Städten weltweit verschiedene Sicherungsmaßnahmen angeschaut“. Die Aufstockung der Mittelstreifen ist noch für dieses Jahr vorgesehen, die anderen Maßnahmen sollen 2020 folgen. Kritisch reagiert die FDP-Fraktion Charlottenburg-Wilmersdorf. Bereits im Jahr 2017 habe man ein dauerhaftes Sicherheitskonzept verlangt, sagt der Vorsitzende Felix Recke. Er findet die neuen Pläne „unkreativ“ und fordert eine öffentliche Debatte darüber, „wie wir die Freiheit in der gesamten Stadt nicht aufgeben und gleichzeitig Sicherheit schaffen können“.

Cay Dobberke, geboren in Berlin, wohnt seit mehr als 25 Jahren in Wilmersdorf. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an cay.dobberke@tagesspiegel.de