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von Nina Breher

Veröffentlicht am 03.01.2020

Fünf Tonnen Sand, 300 Euro und eine Handvoll Leute – diese drei Dinge haben Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Berlin (ADFC) im Dezember organisiert und einen Abschnitt des Spreeradwegs nördlich des Charlottenburger Schlossparks in Eigeninitative ausgebessert. Den eingekauften Wegesand hätten sie „auf dem letzten Kilometer mit Anhängern und Lastenrädern durch die Kleingartenanlage transportiert.“ Das sagte mir Henning Voget, Sprecher der ADFC-Stadtteilgruppe City-West. Neben der konkreten Verbesserung solle die Aktion zusätzlich „Mut machen und zeigen, dass die Verbesserung des Rad- und Fußverkehrs in Charlottenburg-Wilmersdorf machbar ist“, sagte Voget. Kurz: Der Verein hat die Verkehrswende symbolisch selbst in die Hand genommen.

Der Spreeradweg beginnt an der tschechischen Grenze in Sachsen. Zumindest theoretisch endet er in Spandau, wo die Spree in die Havel mündet. Der desolate Zustand des Spreeradwegs im Abschnitt nördlich des Schlossparks sei der Verwaltung bekannt, sagt der ADFC-Sprecher. Eine Reparatur habe aber „seit vielen Jahren“ nicht stattgefunden. Auch das Netzwerk Fahrradfreundliches Charlottenburg-Wilmersdorf (NfChaWi) kritisiert die Verwaltung: „Selbst Kleinstaufgaben wie die Befestigung des Spreeradweges werden trotz nachgewiesener Verkehrssicherungspflicht durch das Bürgeramt seit Jahren nicht ausgeführt.“ Schon 2017 berichtete Tagesspiegel-Kollege Jörn Hasselmann über den letzten Spreeradweg-Abschnitt: „Keine Ausschilderung und überwiegend katastrophaler Zustand zwischen Schotter und Schlamm und eine Breite von teilweise einem Meter machen die Fahrt in Charlottenburg und Spandau zum Abenteuer.“

Nachdem der Verein dieses Problem während eines Treffens mit Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) am 10. Dezember 2019 angesprochen habe, habe man sich entschieden, selbst tätig zu werden. Denn: „Baustadtrat Schruoffeneger hatte signalisiert, er könne da nichts machen.“ Auf Anfrage des Tagesspiegels verweist Schruoffeneger auf das landeseigene Unternehmen infraVelo. Es ist seit 2019 für den Spreeradweg-Abschnitt in Charlottenburg zuständig. Die infraVelo konnte am Donnerstag „leider keine validen Einschätzungen“ geben. Zunächst müsse Rücksprache mit Fachkollegen gehalten werden. Man werde die Information kommende Woche nachliefern, sagte eine Sprecherin.

Fragt man Baustadtrat Schruoffeneger allgemein nach der Umsetzung der Verkehrswende in Charlottenburg-Wilmersdorf, nennt er andere geplante Projekte – E-Ladesäulen, Car- und Fahrradsharing-Hubs, ein Fahrradparkhaus und ein neues Wohnhaus, dessen Wohnungen verpflichtend mit einem Carsharing-Vertrag verkauft werden sollen. Außerdem verweist er auf bürokratische Probleme: den Bund und lange Planungsvorläufe. „So lange (…) die bundesrechtlichen Rahmenbedingungen nicht geändert werden und Planungsprozesse sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, (…) können wir auf der Bezirksebene nur kleine Schritte (…) gehen“, sagte Schruoffeneger. In Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es eine rot-rot-grüne Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung.

Die im Bezirk aktiven Fahrradvereine wirken frustriert. „Wir beraten über alles nur, aber fast nichts wird umgesetzt“, sagt Voget vom ADFC City-West. „Eine Verkehrswende in Charlottenburg-Wilmersdorf ist noch nicht zu sehen.“ Auch das Netzwerk ist ernüchtert. Die Kreuzung Nachodstraße / Bundesallee werde zum Beispiel „so umgebaut, als gäbe es kein Mobilitätsgesetz.“

Eine kleine fahrradfreundliche Maßnahme hat der Bezirk Ende Dezember angekündigt: 7.500 Fahrradbügel sollen aufgestellt werden, die ersten 500 sollen dieses Jahr eingebaut werden. Das heißt: Ende 2020 wären, so der Plan des Bezirksamts, 500 der 7.500 benötigten Bügel eingebaut. Das sind knapp 6,7 Prozent. Ginge es in diesem Tempo weiter, gäbe es in 14,9 Jahren genügend Fahrradbügel im Bezirk, also im letzten Quartal des Jahres 2034.

Nina Breher ist Volontärin beim Tagesspiegel. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie uns bitte eine E-Mail an cay.dobberke@tagesspiegel.de. Anmerkungen zum heutigen Newsletter können Sie gern an nina.breher@tagesspiegel.de richten.

Diesen Artikel haben wir dem aktuellen Leute-Newsletter aus Charlottenburg-Wilmersdorf entnommen. Ihren wöchentlichen Tagesspiegel-Rundumblick aus ihrem Bezirk können Sie sich ganz einfach hier bestellen: leute.tagesspiegel.de

Nina Breher berichtet diese Woche außerdem über diese Themen:  500 neue Fahrradbügel für Charlottenburg-Wilmersdorf im Jahr 2019 +++ Terror-Fehlalarm: Der Schockmoment am Breitscheidplatz +++ Das Schloss Charlottenburg wurde bestreikt +++ Brandanschlag auf das Auto eines Journalisten +++ Wie meistert die Feuerwehr-Leitstelle in Charlottenburg-Nord den größten Einsatz des Jahres? +++ Integrationspreis für Gründerin einer Sprachschule und für eine Fahrradwerkstatt +++ Menschen und Maschinen im Haus der Berliner Festspiele +++ Klassik im Künstlerhof +++ Kirchenkonzerte +++ Freikarten für Chansonabend