Intro
von Cay Dobberke
Veröffentlicht am 24.07.2020
Musikfestivals, Tanzpartys, Techno-Raves und andere Veranstaltungen könnten noch in diesem Sommer in Parkanlagen stattfinden. Auch öffentliche Straßen und Plätze sowie Sportplätze kommen dafür vielleicht infrage. So sehen es Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und die Clubcommission Berlin, die Clubbetreiber und Event-Organisatoren vertritt. Open-Air-Veranstaltungen sollen zur Rettung der Branche beitragen, die stark unter der Coronakrise leidet.
Zwei Grünanlagen in Charlottenburg-Wilmersdorf hat die Clubcommission „nach bestem Wissen und Gewissen ausgesucht“ und in eine berlinweite Vorschlagsliste möglicher Orte aufgenommen: den Volkspark Jungfernheide sowie den Park am Schleusenkanal zwischen dem Tegeler Weg, der Stadtautobahn A 100 und der Schleuse Charlottenburg. In der Jungfernheide gehe es um die Gustav-Böß-Freilichtbühne, sagt Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD).
Das verfallene Theater war einst auch für Volkstänze genutzt worden. Bis zum 9. August spielt dort das Gefängnistheater aufBruch den „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare. Alle Vorstellungen sind schon ausverkauft.
Die Clubcommission möchte eigentlich noch gar nicht, dass ihre Wunschliste veröffentlicht wird. Teilweise fehle „die Rücksprache mit den Bezirken“, sagt Sprecher Lutz Leichsenring. Es wäre „ungünstig“, wenn Politiker und Beamte „aus der Zeitung erfahren“, welche Orte man anstrebe. Senatorin Pop hat die Liste einem eigenen Schreiben an alle Bezirksbürgermeister beigefügt.
Darin heißt es, die Club- und Veranstaltungswirtschaft sei „als eine der ersten Branchen vom Lockdown betroffen“ gewesen und werde wohl „als eine der letzten aus der Krise herauskommen“. Betroffen seien nahezu alle Konzertveranstalter, Eventlocations und -agenturen, Caterer, Sicherheitsheitsdienste, Künstler(inn)en und Firmen aus Bereichen wie Bühnen- und Messebau oder Veranstaltungstechnik.
Die „vielfältige Kultur“ mache die „Anziehungskraft und Attraktivität der Stadt“ aus, schreibt die Wirtschaftssenatorin. „Innovative Veranstaltungsformate“ könnten auch den zunehmenden illegalen Partys und Raves in Parkanlagen „entgegenwirken“.
Das Bezirksamt berät am nächsten Dienstag darüber. Bis dahin hält sich Bürgermeister Naumann mit Kommentaren zurück. Die kulturpolitische Sprecherin der BVV-Linksfraktion, Frederike-Sophie Gronde-Brunner, nennt es „enttäuschend, dass das Bezirksamt bislang keine Initiative gezeigt hat“. Den Vorschlag, Kulturschaffende bei Freiluftveranstaltungen zu unterstützen, hätten Politiker der Linken schon im Juni gemacht – nämlich die Bürgermeister(inn)en von Marzahn-Hellersdorf, Pankow und Lichtenberg sowie Kultursenator Klaus Lederer.
In der City West wären Musikfestivals und Technopartys auf öffentlichen Flächen nichts Neues. Das Olympiastadion wird auch als Konzert-Arena von einer landeseigenen Gesellschaft verwaltet. Und der Kurfürstendamm war bekanntlich die Geburtsstätte der Loveparade.
Cay Dobberke, geboren in Berlin, wohnt seit mehr als 25 Jahren in Wilmersdorf. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an cay.dobberke@tagesspiegel.de