Intro

von Cay Dobberke

Veröffentlicht am 02.07.2021

keine einzige neue Wohnung haben die landeseigenen Wohnungsgesellschaften seit Anfang 2017 in Charlottenburg-Wilmersdorf gebaut (wir berichteten). Grundstücke sind rar und teuer, private Investoren errichten fast nur luxuriöse Häuser. Dagegen war die kommunale Degewo mit der Autobahn-Überbauung an der Schlangenbader Straße einst ein Vorreiter bei ungewöhnlichen Lösungen.

Jetzt hat sie eine neue Idee. Auf einem Regenrückhaltebecken im Park zwischen der Forckenbeckstraße und dem Hohenzollerndamm, gleich neben der Kreuzkirche, sollen 200 Mietwohnungen entstehen – die Hälfte davon als Sozialwohnungen (hier eine Luftaufnahme zur Orientierung: Google Maps).

Aber ein zweites Landesunternehmen protestiert. „Wir sehen das kritisch“, sagt Sprecherin Astrid Hackenesch-Rump von den Berliner Wasserbetrieben. Diese sind nicht der Eigentümer der landeseigenen Fläche, fangen dort aber Regenwasser auf. Aus dem künstlichen Teich wird es in den Hubertussee geleitet – allerdings nicht vorher gesäubert. Um das zu ändern, möchten die Wasserbetriebe einen sogenannten Retentionsfilter bauen, falls die Landesregierung dafür Geld bewilligt.

Mit einer Wohnnutzung sei „ein wasserwirtschaftliches Bauwerk schwer vereinbar“, findet die Sprecherin. „Es stinkt, es ist laut, und die Pumpen übertragen Vibrationen.“ Außerdem würde das Wasser in der angestrebten Filteranlage durch Pflanzen gereinigt, die „nicht im Keller wachsen“.

Um das Bauprojekt voranzubringen, setzen Sozialdemokraten auf den Regierenden Bürgermeister Michael Müller. In dieser Woche folgte er der Einladung der SPD-Abteilung Schmargendorf zu einem Ortstermin – aber nicht als Senatschef, sondern als Bundestagskandidat im Wahlkreis Charlottenburg-Wilmersdorf. Müller kam deshalb auch ganz locker ohne Personenschützer angeschlendert.

Als „stinkende große Pfütze“ mit einer „Giftbrühe“ bezeichnete der SPD-Abteilungsvorsitzende Philipp Mühlberg das Wasserbecken (Foto hier). Mit einer Bebauung „tun wir keinem weh“. Die Grünanlage rundum würde „nicht tangiert“. Degewo-Vorstandsmitglied Christoph Beck widersprach den Bedenken der Wasserbetriebe: „Unsere Ingenieure haben dafür Lösungen.“

Müller lobte die „guten“ Ideen, blieb aber vorsichtig. Derzeit müsse sich keine Senatsverwaltung „zwingend einmischen“. Erst einmal sollten sich die Technik-Vorstände der Degewo und der Wasserbetriebe unterhalten. „Dieses Gespräch gab es noch gar nicht.“ Außerdem sei „der Bezirk gefordert“.

Das ist komplizierter, als es klingt. Fast alle Fraktionen in der  Bezirksverordnetenversammlung (BVV) wollen die Pläne der Degewo vorantreiben – nicht aber die Grünen und deren Bau- und Umweltstadtrat Oliver Schruoffeneger. Das Regenrückhaltebecken sei als Grünfläche ausgewiesen, argumentiert er.

Und nun? Das Bezirksamt müsse dem Prüfauftrag der BVV nachkommen, sagte der SPD-Baupolitiker Wolfgang Tillinger. Leider werde der Mehrheitsbeschluss bisher „boykottiert“. Degewo-Manager Beck blieb gelassen: „Der Weg ist sowieso ein langer.“

  • Cay Dobberke, geboren in Berlin, wohnt seit mehr als 25 Jahren in Wilmersdorf. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an cay.dobberke@tagesspiegel.de