Kiezkamera

Veröffentlicht am 05.04.2019 von Cay Dobberke

An diesem Stein trügt der Schein. Der Findling auf dem Mittelstreifen der Wilhelmsaue wirkt, als sei er zur Erinnerung an den historischen Wilmersdorfer Ortskern aufgestellt worden. „Du befindest dich hier auf der ehemaligen Dorfaue im ältesten Teil unseres Bezirkes“, steht auf der Tafel. „Um 1750 gaben Bauerngehöfte, umschlossen von Feldern, Wiesen und Seen, Alt-Wilmersdorf das Gepräge.“ Der Historiker Michael Roeder hat allerdings recherchiert, dass der Stein ursprünglich der Nazi-Propaganda gedient hatte und erst 1956 umgewidmet wurde. Auf diese „Verdrängung der NS-Geschichte“ sollte eine Zusatztafel hinweisen, findet er.

Tatsächlich wurde der Findling aus dem Bayerischen Wald bereits 1933 in die Wilhelmsaue gebracht, und zwar als Denkmal für den Albert Leo Schlageter (1894 bis 1923). Dieser war Soldat im Ersten Weltkrieg und gehörte außerdem verschiedenen Freikorps sowie der NSDAP-Tarnorganisation „Großdeutsche Arbeiterpartei“ an. Während der Besetzung des Ruhrgebiets durch das französische Militär war Schlageter ein militanter Aktivist. Wegen Spionage und mehrerer Sprengstoffanschläge wurde er von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Das NS-Regime verherrlichte ihn später als Helden und schuf deutschlandweit zahlreiche „Schlageter-Steine“.

Sollte an diese Vorgeschichte erinnert werden? In der Antwort auf eine Einwohnerfrage Roeders in der BVV lehnte das Bezirksamt dies bereits ab. Man wolle den so genannten Schlageterkult „nicht unterstützen“. Vor wenigen Tagen konnte Roeder sein Anliegen nun auch in der bezirklichen Gedenktafel-Kommission vortragen. Doch diese war sich nicht einig und verwies das Thema zur weiteren Diskussion in den BVV-Kulturausschuss. Ein Grund für die Skepsis ist die Sorge, dass sich der Stein zum Treffpunkt von Neonazis entwickeln könnte. Außerdem würden andernorts im Bezirk auch nicht alle umgewidmeten oder umbenannten Relikte aus der Nazizeit gekennzeichnet, sagten Mitglieder der Kommission.

Roeder entgegnete, ihm gehe es aktuell nur um den Findling. Der Historiker engagiert sich aber nicht zum ersten Mal für das Gedenken an die Nazizeit in Wilmersdorf. Auf seine Initiative hin entstand in der Uhlandstraße ein Mahnmal für einen jungen Deserteur, den Nationalsozialisten noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs umgebracht hatten. Außerdem kämpfte Roeder, bislang erfolglos, für eine Gedenktafel an der Stelle eines früheren Zwangsarbeiterlagers in der Wilhelmsaue.

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