Kiezkamera

Veröffentlicht am 06.08.2021 von Cay Dobberke

Ein trauriges Bild bieten die geschlossenen „Thermen am Europa-Center“. Nachbarn glaubten in den vorigen Tagen, der komplette Abriss der Bade- und Saunalandschaft habe begonnen, doch zumindest die Gebäudehülle bleibt vorerst noch stehen.

Bauarbeiter seien aktuell dabei, letzte Einbauten zu entfernen, sagte der frühere Centermanager Uwe Timm dem Tagesspiegel. Als Dienstleister im Immobilienbereich kooperiert er weiterhin mit dem Eigentümer des Europa-Centers, Christian Pepper, und kümmert sich um den Grundstücksteil an der Nürnberger Straße.

Pläne für einen bis zu 240 Meter hohen Wolkenkratzer an dieser Stelle hatten der mittlerweile verstorbene Architekt Helmut Jahn und Uwe Timm im November 2017 vorgestellt. Bei den Ämtern wurde seitdem nichts beantragt. Schon bei der Präsentation war von einer langfristigen „Vision“ die Rede gewesen. Jahn hinterließ Skizzen, aber keine detaillierten Entwürfe.

Nach dem Berliner Hochhausleitbild, das von der soeben aus dem Amt geschiedenen Senatsbaudirektorin Regula Lüscher stammt, wäre statt eines Hochhauses nur ein „Hochpunkt“ mit bis zu 60 Metern zulässig. Timm hofft auf ein Umdenken in der Stadtentwicklungsverwaltung.

Im benachbarten Eden-Haus sind Mieterinnen und Mieter froh darüber, dass ihnen auf absehbare Zeit kein Turm die tolle Aussicht auf die City West versperren wird. Wir danken einem Ehepaar, das uns vom Balkon aus fotografieren ließ, aber nicht namentlich erwähnt werden möchte.

Die Geschichte der Thermen reicht bis zur Eröffnung des Europa-Centers im Jahr 1965 zurück. Die Feuerwehr hatte einen großen Löschteich verlangt. Der Centergründer und Vater des heutigen Eigentümers, Karl-Heinz Pepper, kam auf die clevere Idee, daraus eine gewinnbringende Attraktion zu machen. Heutzutage ist kein Löschteich mehr vorgeschrieben. Erstaunlich wirkten die Thermen besonders im Winter, wenn Badegäste selbst bei Eiseskälte in der beheizten Außenbahn schwammen.

Die Coronakrise führte im März 2020 zur Schließung. Sie soll jedoch nicht der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass rund vier Monate später ein Insolvenzantrag folgte. Vielmehr hätten die Betreiberfamilie und Christian Pepper „keine Einigung über Investitionen in die Immobilie erzielt“, sagte ein Rechtsanwalt damals. Das Europa-Center habe den Pachtvertrag nicht verlängert.

Die frühere Idee einer Zwischennutzung mit Kulturveranstaltungen und anderen Events hat Uwe Timm erst einmal aufgegeben, weil Untersuchungen zeigten, dass schon eine notwendige bauliche „Sicherung“ sehr teuer würde. Nach seiner Kenntnis hat der Centereigentümer nicht vor, diese Kosten aufzubringen.

  • Foto: Cay Dobberke
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