Namen & Neues

Mieter kämpfen gegen aufgezwungene Balkone

Veröffentlicht am 22.11.2019 von Cay Dobberke

Gehören Balkone zur „ortstypischen Bebauung“ im sogenannten Landhausquartier rund um die Berliner Straße in Wilmersdorf? Um diese Frage dreht sich ein Streit zwischen der Eigentümerfirma der Häuser Berliner Straße 65 und 66 und dortigen Mietern. Diese würden „gezwungen, sich zur Straßenseite Balkone anbauen zu lassen“ und danach höhere Mieten zu zahlen, beklagt (nicht nur) unsere betroffene Leserin Monika Scheidler. Sie soll künftig rund 170 Euro mehr zahlen. Am vorigen Mittwoch beschäftigte sich der BVV-Stadtentwicklungsausschuss mit den Protesten – aber mit einem Ergebnis, das zwei anwesende Anwohner stark verärgerte.

Schon vor Monaten soll eine Anwältin der Hauseigentümer die Mieter dazu aufgefordert haben, neue Balkone mit einer schriftlichen „Duldung“ zu akzeptieren. Andernfalls „würden wir verklagt und für die Kosten der Verzögerung aufkommen müssen“, schrieb uns Monika Scheidler.

Seit Mitte der 1990er Jahre ist das Landhausquartier offiziell als städtebauliches „Erhaltungsgebiet“ ausgewiesen. Bestimmte Veränderungen sind nicht oder nur mit einer Ausnahmegenehmigung zulässig. Im Ausschuss zitierte Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) aber aus einem alten Gutachten, auf dem die Erhaltungssatzung basiert. Demnach gehören auch „Betonungen durch Erker und Balkone“ zu den typischen Merkmalen der Wohngegend. Daraus folgert Schruoffeneger, dass der Bezirk mit einem Verbot der Balkonbauten „rechtlich nicht durchkommen“ würde, und sieht sich zur Genehmigung gezwungen.

Vorher kommt es wohl noch zum Foto-Duell. Mieter haben viele Häuser fotografiert und ihre Sammlung allen BVV-Fraktionen zugesandt. Die Bilder sollen zeigen, dass nur vereinzelt Balkone im Quartier existieren. Das Bauamt hält jedoch mit eigenen Fotos dagegen. In der Berliner Straße, der Mansfelder Straße, der Brienner Straße und der Barstraße gebe es „überall Erker und Balkone“, sagte Schruoffeneger. Der SPD-Verordnete Wolfgang Tillinger bat das Bezirksamt, die widersprüchlichen Fotosammlungen vor einer Entscheidung „abzugleichen“.