Namen & Neues

Die "Stadt in der Stadt": Studie über das Leben im Corbusierhaus

Veröffentlicht am 29.01.2021 von Cay Dobberke

Wie ein fremdartiges „Ufo in Westend“ wirkt das Berliner Corbusierhaus auf eine Bewohnerin. Wer in dem denkmalgeschützten Gebäude lebt, fühlt sich dort wohl, aber der Umgebung zwischen dem Olympiastadion und der Heerstraße nur wenig verbunden. Und auch innerhalb des Hochhauses herrscht die Meinung vor, jeder bleibe „eher für sich“. Diese und andere interessante Ergebnisse gehen aus einer neuen Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung hervor.

Der berühmte französische Architekt Le Corbusier (1887 bis 1965) hatte das Haus 1958 im Rahmen der Ausstellung Interbau als „Stadt in der Stadt“ entworfen. Eine andere häufige Bezeichnung lautet „Wohnmaschine“. Es gab eine Ladenzeile mit Post, Bäckerei, Drogerie, Fleischer, Nähstube und weiteren Geschäften – leider ist davon nichts mehr übrig. Neben jeder Wohnungstür befand sich sogar eine Brötchenklappe, in die der Bäcker frische Brötchen legen sollte. Das geschah allerdings nur einmal zur Eröffnung. Die 530 Wohnungen in 17 Etagen sind durch zehn Korridore (so genannte Straßen) verbunden.

Die Umsetzung seiner Visionen enttäuschte Le Corbusier, bald zog er sich aus dem Projekt zurück. Bauvorschriften verhinderten beispielsweise die Nutzung des Daches als Gemeinschaftsfläche – anders als bei ähnlichen Bauten des Architekten in Frankreich.

„Es fehlt an Begegnungsräumen“, heißt es nun auch in der Studie unter dem Titel „Nebeneinander oder miteinander – Nachbarschaftlicher Zusammenhalt im Corbusierhaus Berlin“. Sie beruht auf einer Online-Umfrage unter Bewohner(inn)en im zweiten Halbjahr 2020. Hinzu kam eine telefonische Befragung, weil vermutlich nicht alle Leute im Haus über einen Internetzugang verfügen. Das Projekt wurde auch mit Flyern beworben.

Insgesamt beteiligten sich 97 Menschen. Acht von ihnen machten bei einem zusätzlichen Workshop mit, der wegen der Coronavirus-Pandemie online stattfand. Im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung realisierte die Meinungsforschungsagentur pollytix die Untersuchung. Zuvor hatten deutschlandweite Studien ein „Auseinanderdriften der Gesellschaft“ und die „Abnahme des gesellschaftlichen Miteinanders“ aufgezeigt. Im Corbusierhaus „wollten wir untersuchen, ob dieser Befund auch für die direkte Nachbarschaft gilt“, schreibt die Stiftung.

91 Prozent der Befragten gaben an, dass sie gerne im Corbusierhaus leben. Dennoch gebe es unter den Bewohner(inn)en „keine besonders starken sozialen Bindungen“, urteilen die Forscher. 53 Prozent der Teilnehmer haben der Aussage zugestimmt, dass man zwar unter demselben Dach wohne, aber wenig Kontakt zu den Nachbarn pflege. Andererseits bezeichnen 84 Prozent den Zusammenhalt als positiv, wenn es darum geht, Interessen gemeinsam zu vertreten. Nur 22 Prozent sehen sich „eng verbunden“ mit dem Ortsteil Westend.

Viel größer fällt dagegen das „Verbundenheitsgefühl mit Europa“ (77 Prozent) und mit Berlin (72 Prozent) aus. 70 Prozent der Befragten könnten „als weltoffen orientiert bezeichnet werden“, heißt es. Zu den „überschaubaren“ Nachbarschaftsproblemen werden die Müllbeseitigung oder Lärmbelästigungen gezählt. Es bestehe aber ein „klarer Wunsch nach mehr Möglichkeiten, um sich zu treffen und zu vernetzen“. Vorgeschlagen wurden beispielsweise ein Café, eine Bibliothek, ein gemeinsamer Buchclub sowie die „Wiederbelebung“ früherer Kinoabende und Straßenfeste.

Von Politikern verlangen die Teilnehmer der Umfrage vor allem eine stärkere „Regulierung des (Nah-)Verkehrs“ – womit nicht zuletzt das häufige Verkehrschaos bei Veranstaltungen auf dem Olympiagelände gemeint sein dürfte – und bessere Einkaufsmöglichkeiten. In dem Workshop wurden auch mehr Fahrradwege gefordert. Als „grundsätzliches Problem“ nennt die Studie das Gefühl vieler Bewohner(inn)en, von Landes- und Bezirkspolitikern weitgehend ignoriert zu werden.

Vor allem Frauen fühlen sich in der Umgebung während der Nachtstunden nicht sicher. Der Hauptgrund dafür ist aber recht speziell, wie die Gespräche im Workshop zeigten. Demnach geht es nicht so sehr um mögliche Gewalttäter, sondern um die „Wildschweine im nahe gelegenen Grunewald, die insbesondere nachts direkt am Corbusierhaus anzutreffen sind“.

Die Sozialstruktur im Haus hat sich stark verändert. Ursprünglich gehörte es zum sozialen Wohnungsbau. Später wurde die Sozialbindung jedoch aufgehoben und das Gebäude 1979 an eine Immobilienfirma verkauft. „Heute leben dort nur noch wenige Familien mit Kindern“, steht in der Studie. Alle ehemaligen Mietwohnungen seien in Eigentumswohnungen umgewandelt worden, was zu einer „eher gutbürgerlichen“ Bewohnerschaft geführt habe.

In einem Fazit schreibt die Friedrich-Ebert-Stiftung, im Corbusierhaus zeige sich, dass „gemeinsame Interessen den Zusammenhalt fördern, selbst wenn die sozialen Bindungen eher schwach bleiben“. Teilnehmer(inn)en des Workshops hätten sich bereits vernetzt, um ein hauseigenes Café zu organisieren. Eine weitere Schlussfolgerung lautet, dass „eine Orientierung an den stadtplanerischen Ideen Le Corbusiers auch heute einige akute Probleme lösen könnte“.

Die komplette Studie gibt es kostenlos auf der Webseite der Stiftung: http://library.fes.de/pdf-files/dialog/17188.pdf