Namen & Neues
Am Bahnhof Grunewald entsteht ein Gedenk-Campus
Veröffentlicht am 19.03.2021 von Cay Dobberke
Mehr als 50.000 Berliner Juden wurden ab dem Oktober 1941 vom Bahnhof Grunewald aus in Konzentrations- und Vernichtungslager des NS-Regimes deportiert und dann großenteils ermordet. Daran erinnert das Mahnmal „Gleis 17“. Auf einer benachbarten Brache wollten verschiedene Investoren schon Wohnungen bauen, aber das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf lehnte alle Projekte ab. Neue Pläne der gemeinnützigen Moses Mendelssohn Stiftung für einen „Else-Ury-Campus“ finden sehr viel mehr Unterstützung, wie die jüngste Sitzung des BVV-Stadtentwicklungsausschusses zeigte.
Eine Gedenk- und Forschungsstätte soll mit 154 Studenten-Appartements kombiniert werden. Um die Wohnungen könnten sich Hochschüler:innen aus aller Welt bewerben, die an Berliner Universitäten oder der Uni Potsdam eingeschrieben sind, sagte die Kultur- und Sozialwissenschaftlerin Elke-Vera Kotowski, die dem Stiftungsvorstand angehört. Als Aufnahmebedingung nannte sie, dass die Studentinnen und Studenten sich „des Ortes bewusst“ sind und an Workshops, Vorträgen und anderen Veranstaltungen teilnehmen.
Eine Dauerausstellung soll an die Deportationen erinnern und eine Datenbank die Biografien und Schicksale der Opfer zugänglich machen. In Anlehnung an die „Allee der Gerechten“ in Yad Vashem in Jerusalem ist auch ein „Hain der Menschlichkeit“ geplant, um Berlinern zu gedenken, die verfolgten Juden geholfen hatten.
Nach den Entwürfen des Düsseldorfer Architektenbüros greeen! architects werden Neubauten aus Holz und Cortenstahl in einem Dreieck angeordnet, das an einen Davidstern erinnert. Simulationen können Sie hier und hier sehen.
Das Konzept „korrespondiert mit dem Mahnmal“, lobte Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne). Außerdem würden die Sichtachsen zum Gleis 17 nicht verstellt. Das Vorhaben dürfe allerdings „kein Türöffner für Wohnungsbau“ werden. Die Stiftung sieht keine solche Gefahr, weil sie das Grundstück bereits erworben hat. Das Bezirksamt werde sich möglicherweise ein Vorkaufsrecht sichern, um spätere anderweitige Nutzungen auszuschließen, sagte Schruoffeneger.
Benannt wird der Campus nach der Schriftstellerin Else Ury. Sie war die Autorin der seinerzeit weit verbreiteten Kinderbuchreihe „Nesthäkchen“. 1943 wurde Else Ury im Alter von 65 Jahren in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet. Die Schirmherrschaft für das Stiftungsprojekt übernimmt die ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch.
Der Tagesspiegel hatte schon im Sommer 2020 ausführlich über die Pläne berichtet.