Namen & Neues
Neuer Ärger um den Weihnachtsmarkt vor dem Schloss
Veröffentlicht am 21.07.2023 von Cay Dobberke
Selten haben wir hier im Newsletter so antizyklisch berichtet: Mitten im Hochsommer ist der Streit um den Weihnachtsmarkt vor dem Schloss Charlottenburg eskaliert. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg lässt den Markt zwar überraschend weiterhin stattfinden, hat aber einen neuen Veranstalter ausgewählt.
Darüber ärgert sich nicht nur Tommy Erbe, der den Weihnachtsmarkt im Jahr 2007 gegründet hatte.

Ein „nachhaltig geschädigtes Vertrauensverhältnis“ zur Schlösserstiftung beklagen auch die Charlottenburg-Wilmersdorfer Bürgermeisterin Kirstin Bauch (Grüne) und Vize-Bürgermeister Detlef Wagner (CDU). Am vergangenen Mittwoch traten sie mit Tommy Erbe vor die Presse.
2022 hatte die Stiftung angekündigt, den Mietvertrag für das Gelände vor dem Schloss nicht zu verlängern, weil auf einem Teil davon ein Besucherzentrum gebaut werden solle. Inzwischen wurde jedoch bekannt, dass sich der Baubeginn verzögert. Deshalb heißt es nun, der Markt könne im kommenden Advent unter der neuen Führung, aber in gewohnter Größe stattfinden, und 2024 noch einmal in „verkleinerter“ Form. Danach sei eine Unterbrechung bis zur geplanten Fertigstellung des Besucherzentrums im Jahr 2028 nötig.
Bürgermeisterin Bauch kritisiert, die Stiftung habe Gespräche mit dem Bezirk über die Fortführung des Markts abgelehnt beziehungsweise „teils kurzfristig abgesagt“ und sich dann ohne Rücksprache für den anderen Veranstalter entschieden.
Stiftungssprecher Frank Kallensee erwiderte auf Nachfrage, nur ein Termin im Mai sei ausgefallen, weil damals „keine verbindliche Reaktion“ von Tommy Erbe auf ein Vertragsangebot vorlag. Richtig sei aber auch, dass die Stiftung sich grundsätzlich nur zu Verhandlungen über die Jahre 2023 und 2024 bereiterklärt habe. Im Gegensatz dazu habe sich die Bürgermeisterin eine langfristige Perspektive gewünscht.
Tommy Erbe wirft der Stiftung „versuchte Nötigung und versuchte Erpressung“ vor. Eine entsprechende Strafanzeige hat er gegen Generaldirektor Martin Vogtherr gestellt. Der Hintergrund: In einem Gerichtsverfahren hatten Erbe und die Stiftung darum gestritten, ob letztere die Miete für die Jahre 2020 und 2021 kassieren durfte, obwohl der Markt seinerzeit wegen der Corona-Pandemie ausgefallen war. Erbe verlor den Prozess. Im vergangenen März nannte die Stiftung als Bedingung für neue Vertragsverhandlungen, dass Erbe auf eine Berufung gegen das Urteil verzichte. Im Mai widerrief sie schließlich auch dieses Angebot. Ende Juni stimmte der Stiftungsrat dem Betreiberwechsel zu.
Für die Besucherinnen und Besucher des Weihnachtsmarkts mag es auf den ersten Blick nachrangig sein, wer der Veranstalter ist. Andererseits stellt sich die Frage, ob das Niveau gehalten werden kann. Der Markt galt als einer der schönsten in Berlin – nicht nur wegen der prächtigen Kulisse des Charlottenburger Wahrzeichens, sondern auch, weil Tommy Erbe viel Wert auf die Gestaltung legte und auf Ramschbuden verzichtete.
„Die Menschen lieben diesen Markt“, betonte Bürgermeisterin Bauch. Erbe betonte außerdem, dass der Bezirk auch „wirtschaftlich profitiert“. Die Besucherzahl im vorigen Jahr schätzt er auf 1,2 bis 1,5 Millionen. Ein jahrelanger Konflikt mit dem Bezirksamt um die Sicherheitskosten konnte zuletzt beigelegt werden. Erbe sagte zu, den Schutz vor Terroranschlägen selbst zu finanzieren – obwohl Gerichte seine Ansicht bestätigt haben, dass dies eigentlich der Staat tun müsse.
Der neue Veranstalter heißt Jens Schmidt, er ist Schausteller und gebürtiger Berliner. Ab 2017 richtete er den Weihnachtsmarkt am Opernpalais in Mitte aus, der mittlerweile nicht mehr existiert. Schmidts geplantes „Winterwunderland“ in Hoppegarten scheiterte vor zwei Jahren am Widerstand der dortigen Gemeindeverwaltung, die auch einen Prozess gewann. In Velten betreibt der Unternehmer eine Verkaufs- und Verleihfirma für Verkaufshütten.
Zwei Polinnen warfen Schmidt im Jahr 2012 vor, sie als Mitarbeiterinnen seiner „Weihnachtsbäckerei“ auf dem Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz ausgebeutet zu haben. Damals berichtete die „taz“ darüber. Aktuell kursiert der alte Artikel erneut – weil der verärgerte Tommy Erbe ihn an Vertreter:innen der Medien verteilt hat.