Namen & Neues
Ideen für grünes Wohnquartier über der Stadtautobahn
Veröffentlicht am 25.08.2023 von Cay Dobberke
Stadtautobahnen mit Wohnungen zu überbauen, ist technisch machbar – das beweist seit mehr als 40 Jahren der Wohnkomplex an der Schlangenbader Straße in Wilmersdorf alias „Schlange“. Noch größer denkt der Architekt Andreas Becher, der früher Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Architekten (BDA) war. Unter dem Titel „Die grüne Vene“ schlägt er ein Wohnquartier über der A100 im Bereich zwischen dem Rathenauplatz und der Paulsborner Brücke vor. Dabei solle möglichst auch der Parkplatz des „Bauhaus“-Baumarkts nahe der Brücke überbaut werden.
Berlin brauche mehr Wohnraum, sagt Becher, und „wenn man nicht Kleingärten oder das Tempelhofer Feld bebauen will“, seien andere Optionen zu prüfen. Sein Konzept bezeichnet er als autofreien und klimafreundlichen „üppigen Grünzug mit Holzhybrid-Wohnhäusern“. Dabei würden auch die Fassaden und Dächer der Gebäude stark begrünt. Die Autobahn könnte laut Becher mit Ökobeton gedeckelt werden. In einer Simulation zeigt Becher den Blick von der Paulsborner Brücke.

Rund 150.000 Quadratmeter Fläche könnten bebaut werden, schätzt er. Dies würde für 1500 Wohnungen, einen insgesamt 35.000 Quadratmeter großen Park und einige Bürohäuser reichen. Auch eine Ausweitung in Richtung Norden und Süden, zum Beispiel bis zur Wilmersdorfer Hohenzollernbrücke, kann sich der Architekt vorstellen.
Bei der Münchener Immobilien-Messe „Expo-Real“ hatte das Büro BRH Generalplaner die Pläne im Herbst 2022 erstmals vorgestellt. Heute betont Becher, dass er dem Büro nicht mehr angehöre. Für seine Ideen werbe er nur noch als „Privatier“ ohne Gewinnabsicht und „als Teil der Stadtgesellschaft“.
Einen Unterstützer hat er in der Berliner Immobiliengesellschaft Spree Group gefunden. Diese möchte ein Hochhaus auf dem bisherigen Gelände der Esso-Tankstelle am Rathenauplatz / Ecke Hubertusallee bauen. Die damalige grün-rote Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung lehnte das Projekt im Sommer 2022 ab. Damals ging es um einen 59 Meter hohen Büroturm. Inzwischen hat die neue BVV-Zählgemeinschaft der CDU und Grünen vereinbart, dem Projekt doch noch den Weg zu ebnen.
Aber die Pläne haben sich geändert. Jetzt strebe man ein 118-Meter-Hochhaus an, sagte die Leiterin der Entwicklungsabteilung der Spree Group, die Architektin Jasmin Arjang, in dieser Woche in einem gemeinsamen Gespräch mit dem Tagesspiegel und Andreas Becher. Diese Höhe würde den Türmen „Upper West“ und „Zoofenster“ am Breitscheidplatz entsprechen.
Für den Neubau am Rathenauplatz strebt die Spree Group eine großflächige Fassadenbegrünung vor. Er würde damit zum ersten Teil des von Becher angeregten Stadtquartiers. Die Berliner City West erhielte ein architektonisches „Ausrufezeichen“ neben dem westlichen Anfang des Kurfürstendamms, findet Arjang.
Die neue geplante Höhe ermögliche auch mehr Nutzungen. Außer Büros seien Wohnungen, Gastronomie, ein Lebensmittelmarkt und eine „Panorama-Terrasse auf dem Dach“ möglich. Laut Arjang könnte auch der Wunsch des Bezirksamts nach einem Güterverteilzentrum („Logistik-Hub“) an dieser Stelle erfüllt werden.
Welche Chancen dieses Hochhausprojekt und die gesamte Idee der „grünen Vene“ haben, ist nicht absehbar. Im Stadtentwicklungsausschuss der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf gab es bisher keine Beratungen darüber. Allerdings erläuterten Arjang und Becher das Konzept vor rund zwei Wochen vor Bezirkspolitiker:innen der CDU und der Grünen, die darum gebeten hatten. Dabei seien die Vorschläge „sehr positiv aufgenommen worden“, sagt Arjang.
Auch bei der Berliner Stadtentwicklungsverwaltung gab es eine Präsentation. Nach Kenntnis von Ansgar Gusy, dem Stadtentwicklungsexperten der Grünen-Fraktion in der BVV, reagierte die Senatsverwaltung allerdings „sehr zurückhaltend“. Offenbar wolle sie sich derzeit auf ihr Projekt Stadteingang West auf dem einstigen Güterbahnhof Grunewald konzentrieren.
Gusy bezeichnet Bechers Pläne als „großen Wurf“, eine Deckelung der Autobahn fände er gut. Andererseits gibt der Grünen-Politiker zu bedenken, dass eine Machbarkeitsstudie nötig wäre. Für den Fall von Tunnelsperrungen müssten stets Ersatzrouten mitgedacht werden, die zwischen dem Rathenauplatz und der Paulsborner Brücke aber kaum vorstellbar seien. Bezirksbaustadtrat Christoph Brzezinski (CDU) konnten wir noch nicht zu seiner Meinung fragen; er ist derzeit verreist.