Kiezgespräch

Veröffentlicht am 29.11.2019 von Cay Dobberke

Ist es das vertraute Glöckchen am Eingang oder das altmodische Schaufenster oder einfach nur das beruhigende Gefühl der Kontinuität in unruhigen Zeiten: Die Schuhmacherei an der Suarezstraße in Berlin-Charlottenburg hat ihren Anteil am Reiz des Kiezes rund um Amtsgerichtsplatz und Leonhardtstraße.

Nun ist es vorbei damit: Am Sonnabend hat die Werkstatt geschlossen, die seit 1911 in der Suarezstraße 19 Charlottenburger mit heilen Schuhen versorgte. Das Aus hatte einen längeren Vorlauf. Schuhmachermeisterin Ursula Breitbach spricht von den letzten zwei langen trockenen Sommern, an denen es kaum Umsätze gab und von einer erheblichen Mieterhöhung. Hinzu kam, dass das Zweitgeschäft ihrer Chefin in Berlin-Reinickendorf wegen eines Umbaus endgültig schließen musste. Der alleinige Betrieb in Charlottenburg warf dann nicht mehr genug ab.

Breitbach hat immerhin eine neue Stelle in einer orthopädischen Schuhwerkstatt. Was aus dem Ladengeschäft in der Suarezstraße wird, weiß die 51-Jährige nicht. Dass sich wieder ein Schuster findet, ist unwahrscheinlich: Der Berufsstand hat es schwer. Der Obermeister der Schuhmacherinnung, Olaf Scherler, berichtet vom Niedergang des Gewerbes: Noch in den Siebzigerjahren hatte die Innung 600 Mitglieder, jetzt sind es noch – elf. Es gibt zwar noch Meister, die nicht in der Innung Mitglied sind, aber insgesamt seien es in Berlin auch nur noch rund 70. Scherler weiß von nur noch einer Handvoll Auszubildender. Die Wege zum nächsten guten Schuster werden also weiter für die Kiezianer am Amtsgerichtsplatz. Viel schwerer aber wiegt für viele, dass das Glöckchen nicht mehr zu hören sein wird, das immer erklang, wenn jemand die Tür zum Schuhmacher öffnete. Und Breitbach wird fehlen, die nie mit der Wimper zuckte, wenn sie mal wieder eines der vielen Pakete annehmen sollte, deren Empfänger der Paketbote verpasst hatte.

Dieses Kiezgespräch hat meine Kollegin Susanne Vieth-Entus beigesteuert.

+++

Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für Charlottenburg-Wilmersdorf entnommen. Den Bezirksnewsletter gibt es in voller Länge und kostenlos unter leute.tagesspiegel.de.
+++

Meine weiteren Themen im Newsletter für Charlottenburg-Wilmersdorf – eine Auswahl +++ In fünf Kiezen sollen Autofahrer abends länger Parkgebühren zahlen +++ Fast 50 Jahre am Ku’damm sind genug – deutsch-chinesische Familie gibt ihr Restaurant „Lee Wah“ auf +++ Stadtentwicklungsverwaltung zieht ins alte Rathaus Wilmersdorf +++ Viele neue Pläne für die Gedächtniskirche +++ Schmargendorf erstmals mit Weihnachtsbeleuchtung +++ Wir empfehlen Adventskonzerte und Weihnachtsmärkte +++ Aussterbendes Handwerk – eine der letzten Schustereien in der City West schließt +++