Kiezgespräch

Veröffentlicht am 17.01.2020 von Cay Dobberke

Antisemitische Inschrift soll verschwinden. Ungefähr in der Mitte des vor 20 Jahren eröffneten Walter-Benjamin-Platzes zwischen der Leibniz- und der Wielandstraße liegt eine Steinplatte, in die folgender merkwürdiger Text graviert ist: „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein. Die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.“ Das kommt Ihnen rätselhaft vor? So geht es auch fast allen Passanten. Nur wenige Literaturkenner wissen, dass sich es um den Beginn des Gedichts „Canto XLV“ des amerikanischen Lyrikers Ezra Pound (1885 bis 1972) handelt. Und doch hat das Zitat viel Aufregung ausgelöst, die nun darin gipfelt, dass die rot-rot-grüne Mehrheit in der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf die Entfernung der „antisemitisch konnotierten Bodenplatte“ fordert.

Gegen den Beschluss votierte die AfD-Fraktion, CDU und FDP enthielten sich der Stimme. Im BVV-Kulturausschuss hatte Stephanie Fest (FDP) zuvor erfolglos dafür geworben, auf dem Walter-Benjamin-Platz „kenntlich zu machen“, was das Zitat bedeutet.

Dies ist gar nicht so leicht zu erklären. In einem Architekturstreit, der im vorigen Sommer mit einem Artikel in einer Fachzeitschrift begann, behaupten Kritiker, Hans Kollhoff habe auf dem von ihm entworfenen Platz eine „antisemitische Flaschenpost“ versteckt. Der bekannte Architekt weist den Vorwurf zurück.

„Usura“ bedeutet auf italienisch „Wucher“. Ezra Pound hatte das Gedicht 1936 in Italien verfasst, wo er seit 1924 lebte. Er bewunderte den faschistischen Diktator Benito Mussolini, über Radio Rom verbreitete er antisemitische und rassistische Reden. Daraus kann man folgern, dass sich sein Gedicht gegen Juden richtete. Kollhoff findet dagegen: „Pound war kein Antisemit.“ Wenige Jahre vor seinem Tod habe dieser den Antisemitismus als „schwersten Fehler meines Lebens“ bezeichnet.

Mit ihrem Beschluss haben SPD, Grüne und Linke ein Zeichen gesetzt. Allerdings gehört der Walter-Benjamin-Platz privaten Eigentümern, die erklärtermaßen „keinen Handlungsbedarf“ sehen und auf das Urheberrecht von Hans Kollhoff hingewiesen haben. Auch der Architekt will nichts ändern. Also wird die Bodenplatte wohl vorerst bleiben. Stadtentwicklungsstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) hatte im vorigen Jahr eine öffentliche Diskussionsveranstaltung angekündigt. Ob und wann diese stattfindet, ist noch nicht absehbar.