Kiezgespräch

Veröffentlicht am 20.03.2020 von Cay Dobberke

Die City West im Corona-Modus. Auch wenn dieser Newsletter im Homeoffice geschrieben wurde, war der Autor unterwegs, um sich ein Bild von der Entwicklung zu machen – natürlich immer mit Sicherheitsabstand zu den Mitmenschen. Hier eine kleine Erlebnissammlung.

Ein fragwürdiger Laden für Hygieneartikel öffnet plötzlich am Spandauer Damm. Die Betreiber hoffen auf schnelles Geld. Ein „HandSpa Sanitizer Gel“ in zwei verschiedenen Größen kostet 3 oder 9,90 Euro. Der Hersteller bewirbt das Gel aber gar nicht als Viren-, sondern nur als Bakterienschutz. Mundschutzmasken werden für 19,90 Euro und Einmalhandschuhe für 9,90 Euro angeboten. Der Geschäftsführer eines Charlottenburger Unternehmens, das den Laden betreibt, behauptet am Telefon, alles sei „rechtens“. Doch das Bezirksamt hat den Verkauf nicht genehmigt. Unsere Nachfrage bei der Polizei führt dazu, dass Beamte das Geschäft schließen.

Sind wir Champions in der Krise? Ein Radfahrer pendelt über die fast menschenleere Tauentzienstraße und lässt aus einem Lautsprecher die Fußball-Hymne „Olé, Olé, Olé, Olé – we are the Champions, Olé ertönen“. Was mag das bedeuten? Die Fußball-EM wurde ja auf das Jahr 2021 verschoben. Vermutlich macht hier jemand Mut in schwierigen Zeiten.

Die Haltestellen für Stadtrundfahrten am Ku’damm sind schon seit Dienstag verwaist. Außer Betrieb ist auch der öffentliche Trinkbrunnen auf dem Joachimsthaler Platz. Im Europa-Center am Breitscheidplatz sagt Centermanager Uwe Timm, Berlins ältestes Einkaufszentrum bleibe offen, auch wenn nur noch wenige Mieter wie die Buchhandlung Hugendubel und die Gastronomen ihre Kunden bedienen dürfen.

Was noch geht im Einzelhandel und was nicht, zeigt sich beispielhaft bei Karstadt am Kurfürstendamm. In dem Warenhaus sind nur noch Teile des Untergeschosses geöffnet: die große Lebensmittelabteilung, ein Buchshop und ein Markt für asiatische Lebensmittel. Die benachbarte Schreibwarenabteilung musste dagegen mit Flatterbändern abgesperrt werden. Nur wenige Kunden finden den einzigen Weg ins Untergeschoss, der durch eine kleine Tür an der Augsburger Straße führt.

Apotheken haben verschiedene Methoden gewählt, um ihre Mitarbeiter und Kunden vor Infektionen zu schützen. Die häufigste Maßnahme besteht anscheinend darin, mit Schildern, Kordeln oder Markierungen auf dem Boden einen Sicherheitsabstand vor den Bedientheken zu schaffen. In einer Apotheke arbeitet das Personal hinter Glastrennwänden mit kleinen Öffnungen, durch die Medikamente und das Geld der Kundschaft passen. Apotheker mit Mundschutz sehen wir nur vereinzelt.

Was wird aus dem umstrittenen Thai-Markt im Preußenpark? Noch ist die Wiese leer, im Winter hatten die thailändischen Streetfood-Verkäufer pausiert. Doch der Frühling naht. Angesichts der Infektionsrisiken scheint der Handel  kaum vertretbar, zumal er nie genehmigt wurde und die Hygiene nicht den Vorschriften entspricht. Allerdings hat sich das Bezirksamt noch keine Gedanken über das Thema gemacht. Ordnungsstadtrat Arne Herz (CDU) sagt, spätestens bei Ansammlungen von mehr als 50 Personen müsse man den Markt natürlich unterbinden.

Klopapier, Konserven und Mehl werden wegen der Hamsterkäufe vieler Kunden in den Supermärkten knapp. „Man könnte meinen, der Russe kommt“, scherzt ein Kunde. Bei einem Discounter betont der Kassierer, jeden Morgen werde neues Toilettenpapier angeliefert – es sei nur blitzschnell ausverkauft. Dagegen hat ein großer Edeka-Markt eine so riesige Menge geordert, dass die Kunden noch nachmittags fündig werden. Mehl ist ebenfalls vielerorts rar, meine Mutter braucht aber welches für ihre häusliche Küche. Nach vielen erfolglosen Versuchen entdecke ich italienisches Weizenmehl im Centro Italia.

Über die einstige Berliner Senatsreserve aus den Zeiten des Kalten Kriegs hat mein Tagesspiegel-Kollege Stephan Wiehler eine Glosse geschrieben und das Rezept für „Moppelkotze“ neu aufleben lassen. Der Eintopf bestand aus Dosenrindfleisch, Kartoffeln, Gewürzgurken, Zwiebeln, grünen Bohnen und anderen Zutaten, die billig in den Verkauf gelangten, wenn die Lagerbestände vor dem Ablauf der Haltbarkeitsdaten ausgetauscht wurden. Die goldenen Dosen mit „Rindfleisch im eigenen Saft“ und Schweineschwarten wurden als „Senatsfleisch“ oder „Schütz-Fleisch“ (nach dem Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz) bekannt. Auch heute noch sind die goldenen Dosen im Handel – oder besser gesagt, sie waren es. Denn nun scheint „Senatsfleisch“ überall ausverkauft.