Kiezgespräch
Veröffentlicht am 09.04.2020 von Cay Dobberke
Petition für Rettung der Poelzig-Villa. An der Tannenbergallee 28 in Westend steht das einstige Atelier- und Wohnhaus des Architektenpaares Hans Poelzig und Marlene Moeschke-Poelzig offenbar vor dem Abriss. Das Dach ist bereits mit Planen bedeckt, die Nachbarn vor Staub schützen sollen. Nun fordert der Kunst- und Architekturhistoriker Kolja Missal in einer Online-Petition, das Gebäude zu retten und es unter Denkmalschutz zu stellen. Bisher haben sich ihm rund 800 Unterstützer angeschlossen.
Das Einfamilienhaus war 1929 bis 1930 nach Entwürfen von Marlene Moeschke-Poelzig entstanden. Es handele sich um ein „einmaliges Denkmal der Emanzipationsgeschichte in der Architektur“, findet Missal. Außerdem sei der Grundriss im Erdgeschoss „singulär“ in Berlin. Die Architektin habe einen „abgeschlossenen Bereich für die drei Kinder mit Spielzimmer und Plansche im davor gelagerten Außenbereich“ gestaltet. Der Garten sei noch größtenteils erhalten. Missal nennt es „ein Trauerspiel der Berliner Verwaltungslandschaft“, dass die Villa nicht unter Schutz gestellt wurde.
Das Landesdenkmalamt hatte sich in den 1990-er Jahren dagegen entschieden. Zur Begründung hieß es, 1954 seien das Dach, die Fenster und Hans Poelzigs Atelierräume zu stark umgestaltet worden.
Eine Gedenktafel erinnert daran, dass „der große Architekt und Lehrer“ Hans Poelzig hier von 1930 bis zu seinem Tod im Jahr 1936 gewohnt hatte. In einem Kommentar zur Online-Petition schreibt die Unterstützerin Claudia Schneider-Esleben außerdem, nachdem ihr jüdischer Großvater 1936 ins Konzentrationslager Oranienburg verschleppt worden sei, hätten ihre Großmutter, ihre Mutter und eine Tante Asyl bei der Familie Poelzig gefunden.
Die Nationalsozialisten hatten Hans Poelzig gezwungen, seine Professuren und Ämter niederzulegen. Zum einen ging es um eine angebliche „jüdische Abstammung“. Außerdem wurde ihm eine Nähe zum „Bolschewismus“ vorgeworfen, weil er sich an Wettbewerben in der Sowjetunion beteiligt hatte. Poelzig wollte in die Türkei emigrieren, starb aber vor der Ausreise. Seine Ehefrau musste ihr Atelier 1937 auf Druck der Nazis schließen.