Markus Hesselmanns Tipp für Sie

Veröffentlicht am 05.01.2018

Edgar Froese war ein Pionier der elektronischen Musik und mit seiner Band Tangerine Dream international erfolgreich. Am 20. Januar jährt sich der Todestag des Berliner Künstlers zum dritten Mal. Posthum ist kürzlich seine Autobiografie erschienen, die ich hier empfehlen möchte. Ein langes, spannendes Kapitel widmet Froese seiner Freundschaft mit David Bowie, der bei ihm in Berlin auch einige Male wohnte. Bowie starb am 10. Januar vor zwei Jahren, am 8. Januar hätte er jetzt seinen 71. Geburtstag gefeiert. Aus dem Bowie-Kapitel im Froese-Buch hier eine kurze Leseprobe, in der es um ein Bowie-Konzert in der Deutschlandhalle 1976 geht:

„Es gibt Konzerte, die musikalisch beeindruckend sind, und doch hat man sie nach wenigen Tagen vergessen. Es gibt Konzerte, bei denen vieles schief läuft – visuell als auch musikalisch und spieltechnisch -, trotzdem bleibt die besondere Atmosphäre lange in der Erinnerung präsent. An diesem Abend machten ein Sänger, fünf Musiker und eine im unsichtbaren Bereich arbeitende Crew alles richtig. Ja, das waren die wenigen Momente in meiner Zeit als Konzertbesucher, in denen ich begeistert war, weil nichts in meinem Wahrnehmungsfeld peinlich oder unprofessionell war. Ein perfekter Sound hüllte sich in ein beeindruckendes Kleid aus Licht und sparsamen Showeffekten, ein nie vergessenes Erlebnis aus dem Delikatessenladen internationaler Performance-Kunst. Selbst das in den Medien wegen existierender Mauer und allgemeiner Isolation als etwas provinziell stigmatisierte Berliner Publikum war in seinen emotionalen Ausbrüchen ein perfekter Teil der Show. Es war ein wunderbar funktionierender Ablauf von Präsentation und Identifikation. Niemand sonst wäre 1976 auf die Idee gekommen, eine Bühnenshow in einem schwarz-weißen Neon-Design um die Welt zu schicken. Das weiße dimmbare Licht der unzähligen vertikal angeordneten Röhren öffnete Räume zu einer anderen Wirklichkeit. Das hier war weit entfernt vom Mainstream Rock’n’Roll, dies war progressives Musiktheater. Bowie selbst, mit schwarzer Hose und Weste, weißem Hemd und orangefarbenem Haar, war in diesem Szenario ebenfalls weit entfernt von dem biederen und verstaubten Outfit, in dem sich die meisten Gruppen jener Zeit anboten. Er war von der breiten Straße der Geschmacklosigkeiten schon lange abgebogen auf seinen eigenen exotischen Feldweg. Hier herrschte kein Gegenverkehr, keiner konnte ihn überholen, er war in der Welt mit sich allein, und er genoss diese professionelle Eitelkeit über alle Maßen, und es bereitete Spaß, ihm dabei zuzusehen.“

„Tangerine Dream. Force Majeure. Die Autobiografie“ ist hier auf Deutsch und auf Englisch erhältlich: edgarfroese.de

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