Nachbarschaft

Veröffentlicht am 27.07.2018 von Cay Dobberke

Ursula Kiesling, frühere Betreiberin der Buchhandlung „Der Divan“ in der Reichsstraße, verstorben am 19. Juli

Die Interessengemeinschaft (IG) Reichsstraße in Westend hat ihre Vorsitzende verloren. Nach langer und schwerer Krankheit ist die Buchhändlerin Ursula Kiesling im Alter von 73 Jahren in der Charlottenburger Schlosspark-Klinik gestorben. Sie stammte aus der Nähe von Essen und lernte nach dem Einser-Abitur gegen den Willen der Eltern in einer Buchhandlung. Dann erhielt sie einen Führungsposten im Verlag Ullstein-Propyläen und studierte BWL. 1974 erwarb Kiesling ihren ersten Charlottenburger Buchladen, von dem sie sich 1982 trennte, als in der Reichsstraße die Buchhandlung „Der Divan“ zum Verkauf stand.

Hinter dem Geschäftsnamen steht eine besondere Geschichte. Der Gründer hatte Goethes „Westöstlichen Divan“ im Zweiten Weltkrieg im Marschgepäck getragen und sich danach den Traum der eigenen Buchhandlung erfüllt. Auch für Kiesling war ihre Arbeit eine Herzenssache. „Ich war immer eine Leseratte und habe schon mit elf Jahren Homer gelesen“, sagte sie dem Tagesspiegel vor einigen Jahren.

Der Bezirk zeichnete sie zwei Mal aus 2005 mit der Bürgermedaille und 2007 mit dem Preis „Frau in Verantwortung“. Damit wurde auch ihr Engagement im Mittelstands- und Handelsausschuss der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin und als Beiratsmitglied im Projekt „Management für vitale Geschäftsstraßen“ gewürdigt.

Reiten war ihr Hobby. Im Laufe der Jahre besaß Kiesling in Brandenburg mehrere Sportpferde. Die Händlergemeinschaft leitete sie ab 1999 und kümmerte sich unter anderem um das Reichsstraßenfest, das es heute nicht mehr gibt. „Wir leben in einer Straße, in der man sich noch grüßt und kennt“, freute sie sich. Andererseits herrschte in der IG keineswegs immer Einigkeit. Kiesling beklagte, dass nicht alle an einem Strang ziehen. Dem Vernehmen nach waren sich die Händler zum Beispiel uneins darüber, in welche Art von Werbung ihre Beiträge investiert werden.

Kiesling war über Westend hinaus aktiv. Sie übernahm die Buchhandlung Haberland in Frohnau und gründete eine „Divan“-Filiale am U-Bahnhof Krumme Lanke in Zehlendorf. In der Reichsstraße kam der „Kinder Divan“ hinzu. Wegen wirtschaftlicher Probleme musste sie diese drei Läden später aufgeben und Anfang 2018 auch Insolvenz für das Hauptgeschäft anmelden. Die Buchhandlungen bestehen aber unter neuer Führung fort (das Zehlendorfer Geschäft heißt nun „Südwestlicher Divan“).

Ihren letzten öffentlichen Auftritt hatte Kiesling im Herbst 2017, als der Bezirk in der Reichsstraße / Ecke Marathonallee auf Wunsch der Initiative eine Sitzbank  installierte, die vor allem für Senioren gedacht ist. Vor wenigen Tagen kam eine zweite Bank an der Ecke Kastanienallee hinzu.

Erst durch die Modehändlerin Uhle aus der Nachbarschaft erfuhren andere Händler in der Reichsstraße von Kieslings Tod, darunter auch zwei Mitarbeiterinnen des „Divan“, die vom neuen Betreiber B.service / E-buch übernommen worden sind. Verwandte in Berlin hatte Kiesling nicht und auch keine eigene Familie.

Foto: Margit Lesemann

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter:  leute-c.dobberke@tagesspiegel.de

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