Nachbarschaft

Veröffentlicht am 08.03.2019 von Cay Dobberke

Anna von Gierke (1874 bis 1943), Sozialpädagogin, Politikerin und Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime.

Vor 100 Jahren fand die erste deutschlandweite Wahl statt, bei der Frauen das aktive und passive Wahlrecht hatten. Als Kandidatin der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) kam Anna von Gierke in die Deutsche Nationalversammlung, wo sie den Ausschuss für Bevölkerungspolitik leitete, und zusätzlich in die Stadtverordnetenversammlung von Charlottenburg. Allerdings wurde sie bei der Reichstagswahl 1920 wegen ihrer jüdischen Mutter nicht wieder von der DNVP aufgestellt  obwohl ihr Vater, der Rechtshistoriker Otto von Gierke, zu den Gründungsmitgliedern der Partei gehörte.

Bekannt wurde Anna von Gierke durch ihre Kinder- und Jugendarbeit. Schon mit 18 Jahren leitete sie den Mädchenhort des Fabrikanten Georg Heyl. Sechs Jahre danach war sie als Vorsitzende seines „Jugendheim“-Vereins zuständig für 120 Kindergarten- und Hortkinder. Ab 1907 organisierte Gierke auch Schulspeisungen und konnte den Charlottenburger Magistrat davon überzeugen, ein Jugendheim zu bauen. 1921 kam ein weiteres Jugendheim im brandenburgischen Falkensee hinzu. 1915 gründete sie im Bezirk einen Hausfrauenverein und wurde später Vorstandsmitglied im „Reichsverband Deutscher Hausfrauenvereine“. 1925 war sie eine von drei Vorsitzenden des 5. Wohlfahrtsverbandes  dem Vorgänger des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands.

Die Nationalsozialisten stuften Gierke 1933 als „Halbjüdin“ ein und erkannten ihr alle Ämter ab. Im Verborgenen half sie Berliner Juden und engagierte sich für die „Bekennende Kirche“. In ihrer Wohnung an der Carmerstraße 12 gab es Bibelkreise und Vorträge. Heute erinnert dort eine Gedenktafel an sie und ihren Vater. Die Gierkezeile und der Gierkeplatz tragen ihren Namen. Auf dem Friedhof der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Westend hat sie ein Ehrengrab der Stadt Berlin.

Gierkes Lebenslauf beschreiben die Historikerinnen Birte Förster und Hedwig Richter in einer Reihe von Twitter-Postings. Ein ausführliches Porträt steht im Digitalen Deutschen Frauenarchiv.

Foto: Von unbekannt – Büro des Reichstags (Hg.): Handbuch der verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung, Weimar 1919, Carl Heymans Verlag, Berlin, PD-§-134, wikipedia.org

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