Nachbarschaft

Veröffentlicht am 12.04.2019 von Cay Dobberke

Monika Sailer, Friseursalon Sailer, Hohenzollerndamm 2.

Viele Jahre lang war die Friseurmeisterin eine echte Trendsetterin. Als Mitglied der „Haute Coiffure Francaise“ reiste sie regelmäßig zu Branchentreffen nach Paris, wo die neuesten Frisurenmoden beraten und festgelegt wurden. Wenn Monika Sailer zurückkehrte, rissen sich Medien um Interviews. In Berlin frisierte sie auch reihenweise Prominente, wie Fotos und Zeitungsartikel an den Wänden des Salons zeigen. Zur Kundschaft gehörten Hildegard Knef, Inge Meysel, Roland Kaiser, Freddy Quinn, Anita Kupsch, Marianne Rosenberg, Donna Summer oder Barbara Schöne. Deren Sohn Florian-John wurde sogar ihr Patenkind. Eine enge Freundschaft pflegte Sailer mit der Schauspielerin Brigitte Mira. Der frühere Regierende Walter Momper zählte trotz seiner wenigen Haare bis heute zu den Stammkunden.

Nun aber macht Monika Sailer mit 70 Jahren Schluss. Ende April übergibt sie ihren Salon am Hohenzollerndamm an den 1990 in München geborenen Friseurmeister Georgios Pichl. Er will das Geschäft umgestalten und umbenennen in „Georgios Stylisten“. Dabei übernimmt Pichl die drei Angestellten und will das Team auch vergrößern.

Bis zum 18. April läuft ein Ausverkauf. „Wohin mit den ganzen Perücken?“, fragt sich Sailer und bietet diese zu eher symbolischen Preisen an („für ’n Appel und ’n Ei“). Bis zu 80-prozentige Rabatte gibt es auf verschiedenste Geschenkartikel, die große Teile des Ladens füllen  von Designerlampen bis zu Mini-Kühlschränken mit USB-Anschluss. „Außer Socken habe ich immer alles verkauft“, sagt die Unternehmerin. Früher handelte sie auch mit Kleidung, veranstaltete Modenschauen und lud zu Ausstellungen ein. Dabei war ihr Kunstbegriff weit gefasst und Spaß erlaubt: Einmal präsentierte sie eine Sammlung aus dekorierten Klodeckeln.

Die Geschichte des Salons begann 1931, als Hans Sailer den Betrieb an der Nürnberger Straße gründete und Stars wie Zarah Leander, Marlene Dietrich und Hans Albers frisierte. In den 1960er Jahren hatte der spätere Prominenten-Friseur Udo Walz dort seine erste Anstellung – wurde aber nach zwei Jahren gefeuert, weil er ständig unpünktlich war.

1973 übernahm Monika Sailer das väterliche Geschäft und wurde als jüngste Berliner Friseurmeisterin zur Chefin von 40 Mitarbeitern. 1974 brachte sie ihren Sohn Daniel zur Welt und stand schon kurz darauf wieder im Salon. 1976 zerstörte ein Kabelbrand die Einrichtung. Da Monika Sailer unterversichert war, kostete dieses Unglück sie viel Geld.

Trotzdem machte sie weiter, bis der Berliner Senat im Jahr 1993 die monatliche Miete im damaligen Haus der Berliner Finanzverwaltung auf 20.000 Mark erhöhte. Da entschloss sich die Friseurmeisterin zum Umzug an den Hohenzollerndamm. Auch in Zukunft will sie aktiv bleiben und zu ihrem privaten Vergnügen Handwerkskünste erlernen. Außerdem steht am 13. Mai ein besonderer Tag bevor. Dann feiern Monika Sailer und ihr Ehemann Dieter Hartmann ihre Silberhochzeit.

Foto: Thilo Rückeis

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge an: cay.dobberke@tagesspiegel.de

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