Nachbarschaft

Veröffentlicht am 24.05.2019 von Cay Dobberke

Uwe Weise, kommissarischer Leiter des Wahlamts Charlottenburg-Wilmersdorf.

Bei der Europawahl am Sonntag wird der wichtigste Organisator im Bezirk noch in Berlin sein, aber am Dienstag reist Uwe Weise mit seiner Frau Jeannette nach Paris, um den zehnten Hochzeitstag zu feiern. Die Nachbearbeitung der Wahl müssen dann andere übernehmen. Denn nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis am Sonntagabend wird es noch bis zum 3. Juni dauern, bis nach der Prüfung der Protokolle aus den Wahllokalen und eventueller Beschwerden das Endergebnis vorliegt.

Der 1958 in Wedding geborene Berliner hat sich viele Monate lang darum bemüht, alles bestens vorzubereiten. Manchmal fuhr er Lastwagen mit Materialien sogar selbst hin und her. Aus einer früheren Berufstätigkeit als Kraftfahrer hat er den nötigen Führerschein. „Ich bin Praktiker und kein Mensch, der für den Schreibtisch geschaffen wurde.“

Das zeigt auch seine Karriere. Nach ersten Jobs, bei denen er unter anderem Spielautomaten transportierte und aufstellte, studierte er Sozialarbeit. Es folgte eine Anstellung als Bürokraft in der Jugendförderung Charlottenburg-Wilmersdorf, die Weise aber nach eineinhalb Jahren kündigte. Stattdessen betreute er nach dem Berliner Mauerfall eine Unterkunft für DDR-Familien, die aus Sorge vor einer möglichen erneuten Grenzschließung nach West-Berlin geflüchtet waren.

Dann kam wieder ein Anruf aus Charlottenburg. Weise nahm das Angebot an, den Jugendclub Charlottenburg-Nord zu leiten. Die Gegend „ist ein sozialer Brennpunkt, aber das sehen Sie nicht“, sagt er. Am ersten Tag im Club am Heckerdamm bemerkte er, dass die Jugendlichen dem Gebäude gerade einen neuen Anstrich verpassten. Also „habe ich mit gemalert“. Über Neubaupläne durften die Besucher des Jugendtreffs mit entscheiden. Es gab auch gemeinsame Reisen in ein hessisches Feriencamp. „Demokratie lernt man nur, indem man sie lebt“, findet Weise.

Diese Botschaft kam offenbar an. Denn manche der damaligen Jugendlichen sind derzeit ehrenamtliche Helfer bei der Europawahl und wurden dafür von Weise geschult. Er hatte den Jugendclub im Jahr 2016 verlassen, blieb aber im Sozialbereich des Bezirksamts tätig – vor allem als Koordinator des ehrenamtlichen Dienstes. Während der Europawahl ist er davon freigestellt. „Die Stadträte geben mir viel Freiheit und eine tolle Unterstützung“, lobt Weise. Er sieht sich als „Teamplayer“ und hat schon mehrere Wahlen als kommissarischer Leiter organisiert. Zuletzt hatte der Bezirk die Wahlleitung als hauptamtliche Stelle ausgeschrieben, jedoch ohne Erfolg. Weise rechnet damit, dass er auch bei den nächsten Bundestags-, Abgeordnetenhaus- und BVV-Wahlen im September 2021 noch gebraucht wird

Die steigende Zahl der Briefwähler macht ihm ein bisschen Sorge, weil die eigenständige und geheime Stimmabgabe nicht garantiert werden kann. „Wir wissen ja nicht, wie die Oma am Küchentisch ihren Wahlzettel ausfüllt.“ Andererseits habe das Bundesverfassungsgericht die Briefwahl für zulässig erklärt. Aus Weises Sicht ist sie zumindest besser als „unsichere“ elektronische Wahlautomaten.

Ehrenamtlich engagiert er sich besonders im Sport-Club Charlottenburg (SCC) als Vorsitzender der Fußballabteilung. Zusätzlich organisiert Weise bei SCC-Veranstaltungen wie dem Berlin-Marathon und dem Velothon den Einsatz der Streckenposten. Und er kickt auch regelmäßig selbst mit seinen Vereinskameraden.

Foto: Cay Dobberke

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