Nachbarschaft

Veröffentlicht am 12.07.2019 von Cay Dobberke

Bern Brent (2.v.r.) wurde als Kind vor dem Holocaust gerettet, lebt in Australien und besucht oft seine Heimatstadt Berlin. Unser Bild zeigt den 96-Jährigen mit seinem Freund Harald Sterzenbach (links), seinem Enkel Jimmy und seiner Tochter Joanna.

Vor neun Jahren kam Bern Brent die Idee, zum Gedenken an seine im Konzentrationslager Theresienstadt gestorbene Großmutter Sophie Maas einen Stolperstein vor dem Ex-Wohnhaus der Familie an der Wielandstraße 17 zu stiften. Von seinem heutigen Wohnort in der australischen Hauptstadt Canberra aus wandte er sich an Berliner Ämter – und wurde von der Antwort überrascht, dass ein entsprechender Stolperstein schon verlegt worden sei. Das machte Brent neugierig: Er wollte erfahren, von wem das im Gehweg eingelassene Mahnmal stammt.

Kurz darauf hörte Harald Sterzenbach in Berlin von seiner Frau, dass „jemand aus Australien angerufen“ habe. Er rief zurück und hatte Brent am Draht. So entstand eine Freundschaft, die bis heute andauert. Denn die Verlegung von insgesamt 17 Stolpersteinen an der Wielandstraße 17 ging auf Sterzenbach zurück. Als damaliger Lehrer an der Knobelsdorff-Schule (OSZ Bautechnik I) in Spandau hatte er daraus ein Schulprojekt gemacht. Von manchen der einstigen jüdischen Bewohner wusste Sterzenbach seit seiner Zeit als Mieter im Haus in den Jahren 1980 bis 1992. Seine Nachbarin Erna Dubnack, die ihre jüdische Freundin Hildegard Naumann jahrelang vor den Nazis versteckt hatte, erzählte ihm einiges. Nach seinem Auszug blieb Sterzenbach dem Haus als Eigentümer seiner früheren Wohnung verbunden, die er erst vor Kurzem verkauft hat.

Fragt man Bern Brent nach seiner Heimat, nennt er auch heute noch Berlin. Hier war er unter seinem damaligen Namen Gerd Bernstein als Sohn deutsch-jüdischer Eltern aufgewachsen. Auch nach dem Beginn der NS-Zeit erlebte er eine weitgehend unbeschwerte Kindheit. Da seine Eltern und Großeltern evangelische Christen waren, hätten ihn die Nazis als „Halb-Arier“ eingestuft, erzählt er. Erste Gerüchte über Deportationen in Konzentrationslager beunruhigten die Familie wenig. Auch nach den November-Pogromen 1938 hätten seine Eltern nichts vom späteren Holocaust geahnt, sagt Brent. Allerdings sagte seine Mutter schon vor der Pogromnacht: „Ein Krieg kommt. Der Junge muss raus.“ Da er ein Mitglied der Quäkerjugendgruppe in Berlin war, boten sich dafür die Kindertransporte der Quäker nach England an.

Drei Tage vor seinem 16. Geburtstag, am 14. Dezember 1938, verließ Brent seine Geburtsstadt. Die Reise empfand er anfangs als interessanten Ausflug, eine spätere Rückkehr schien nicht ausgeschlossen. In England wurde er wegen seiner deutschen Staatsangehörigkeit im Juni 1940 interniert und dann per Schiff nach Australien gebracht. Dort nahm er nach 18 Monaten hinter Stacheldraht einen Job als Obstpflücker an. 1943 trat er in die australische Armee ein und diente in einer Einheit ohne Waffen, weil er ein Ausländer war. Danach machte Brent eine Karriere als Englischlehrer und Beamter des Bildungsministeriums. Er wurde australischer Staatsbürger, lernte seine spätere Ehefrau Jaen kennen und wurde dreifacher Vater. Außerdem änderte er seinen Namen von Gerd Bernstein in Bern Brent. Damit „wollte ich mich assimilieren“.

Seiner Mutter gelang es, im August 1939 nach England zu fliehen. Der Vater blieb bis 1942 in Berlin. Er wurde ins KZ Theresienstadt deportiert, überlebte aber. Später zogen beide Eltern nach Australien zu ihrem Sohn. Allerdings gab es in der Familie auch zwei Opfer des NS-Terrors. Die schon erwähnte Großmutter Sophie war entkräftet in Theresienstadt gestorben, und eine Tante hatte sich in Berlin das Leben genommen, um der Deportation zu entgehen.

In seinem Buch „My Berlin Suitcase“, das im Jahr 2000 in Australien erschien, hat Brent seine Kindheit geschildert. Nach Berlin zog es ihn ab den 1950er Jahren immer wieder. Bei mehreren Europa-Reisen mit seiner  inzwischen verstorbenen  Frau gehörten zwei- bis dreitägige Abstecher in die Stadt stets dazu. Die Freundschaft mit Harald Sterzenbach führte Brent seit 2010 noch vier weitere Male nach Berlin. Im vorigen Jahr kam es zu einem Gegenbesuch, Sterzenbach und dessen Frau reisten nach Canberra.

Jetzt ist Brent wieder einmal in Berlin, zusammen mit seiner Tochter Joanna und seinem Enkel Jimmy. Am Donnerstag besuchten sie mit Sterzenbach unter anderem die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Am Freitag kam es kurzfristig zu einem Gespräch mit Sawsan Chebli, der Berliner Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales. Sie hatte Brent schon einmal während einer Australien-Reise getroffen. In den nächsten Tagen reist Familie Brent weiter durch Deutschland, unter anderem, um Verwandte zu besuchen. Ein noch unerfüllter Wunsch von Bern Brent ist es, einmal im Funkturm-Restaurant zu speisen. Am Donnerstag sollte es soweit sein, doch der Funkturm ist wegen Wartungsarbeiten gesperrt.

Gerne würde Brent erfahren, wie das Leben seiner früheren Lehrer an der Wilmersdorfer Goethe-Schule in der Münsterschen Straße (heute: Katharina-Heinroth-Grundschule) in der Kriegs- und Nachkriegszeit weitergegangen war. Er mochte unter anderem einen Studienrat namens Gruber, den Englischlehrer Zink, den Französischlehrer Lindner und den Sportlehrer Potschus. Wer etwas über diese Menschen weiß, kann uns eine E-Mail senden, die wir dann weiterleiten.

Foto: Mike Wolff

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter:  cay.dobberke@tagesspiegel.de

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