Nachbarschaft

Veröffentlicht am 09.08.2019 von Cay Dobberke

Harald Marpe (l.) und Klaus Betz vom Kiezbündnis Klausenerplatz vor dem Vereinsbüro an der Seelingstraße 14.

Bei der Aufwertung des Kiezes rund um den Klausenerplatz ist der Bürgerverein in den vorigen zwei Jahrzehnten teilweise zum Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Die Wohngegend sei „auch durch unser Schaffen attraktiv geworden“, sagt der Vorsitzende Klaus Betz. Leider trage das allerdings zu den steigenden Mieten bei, die eines der beiden Hauptprobleme in der Gegend seien. Als zweites großes Ärgernis nennt Betz die „nicht funktionierende Verkehrsberuhigung“ in den Wohnstraßen, die vielen Auto- und Motorradfahrern als Schleichwege dienen. Mit möglichen Gegenmaßnahmen beschäftigt sich eine „Verkehrs-AG“, die eine von insgesamt sechs Arbeitsgemeinschaften im Verein ist.

An diesem Wochenende feiert das Kiezbündnis sein 20-jähriges Bestehen mit einem zweitägigen Fest auf dem Klausenerplatz. Am Sonnabend geht es um 14 Uhr mit Klezmermusik des Ensembles KiezKlezmer los. Im weiteren musikalischen Bühnenprogramm gibt es unter anderem Rock, Swing und afrikanische Klänge. An Imbissständen werden bis 22 Uhr Bratwürste, Getränke und Eis angeboten. Der Sonntag gilt als Familientag und startet um 10 Uhr mit Blasmusik. Dazu gibt es Weißwürste, Brezeln und Weißbier. Auf der Bühne treten beispielsweise auch Die Falschen Fuffziger auf (ab 13 Uhr), die zum Mitsingen deutscher Schlager der 1950er und 1960er Jahre einladen. Zum Kinderprogramm gehören Karussells, eine Hüpfburg, Kinderschminken und einiges mehr.

Das Kiezbündnis „ist mein Kind“, sagt Gründungsmitglied Betz. Der 70-Jährige stammt aus Schwaben und war in den 1970er Jahren nach Berlin gekommen. „Die Studentenbewegung habe ich knapp verpasst, was mich sehr geärgert hat“, sagt Betz, der sich politisch links verortet und SPD-Mitglied ist. Tatsächlich hat auch das Kiezbündnis sozialdemokratische Wurzeln, obwohl es sich als überparteilich versteht. Die örtliche SPD-Abteilung hatte vor 20 Jahren die Veranstaltungsreihe „Verslumt unser Kiez?“ ins Leben gerufen. Es ging um die „zunehmende Verwahrlosung des öffentlichen Raums“, eine wachsende Drogenszene, Kriminalität sowie die Ansiedlung von Spielcasinos und Wettbüros. Schließlich beschlossen etwa 60 Bürger, eine eigene Initiative zu gründen.

Man vermied aber bewusst die Bezeichnung „Bürgerinitiative“, um sich von Gruppen abzugrenzen, die nur ein bestimmtes Ziel verfolgen. Dem Kiezbündnis geht es dagegen um nachhaltige Veränderungen. Alle rund 50 Mitglieder sind ehrenamtlich tätig. Zusätzlich wirken in den Arbeitsgemeinschaften viele Anwohner ohne Vereinsmitgliedschaft mit. Außerdem gibt es 30 Fördermitglieder. Diese sind überwiegend Gewerbetreibende, die das Kiezbündnis gern finanziell unterstützen, aber keine Zeit für eine aktive Beteiligung haben.

Mit vielen Veranstaltungen sei man auch „der Pausenclown im Kiez“, scherzt Betz. Jedes Jahr gibt es ein Sommerfest, einen Weihnachtsmarkt sowie zwei Flohmärkte, bei dem Anwohner eigene Stände vor ihre Häuser stellen. Vier Mal im Jahr erscheint die Vereinszeitung „KiezBlatt“, ergänzt durch einen „Kiezkalender“ und die Webseite klausenerplatz.de. Eine „AG Geschichte“ um Harald Marpe bringt historische Hefte heraus. Der Verein betreibt auch ein „Repair Café“, in dem kaputte Gerät gratis repariert werden, hat eine ausrangierte Telefonzelle als „Bücherzelle“ für den Büchertausch aufgestellt, pflegt Grünflächen und wirkt bei Stolperstein-Verlegungen mit. Finanziell könne man gut „auf eigenen Beinen stehen“, sagt Betz. Einzig das Sommerfest sei wegen des hohen Aufwands stets defizitär.

Den Kampf gegen die Verdrängung von Mietern hat das Kiezbündnis inzwischen großenteils der im Jahr 2015 gegründeten MieterWerkStadt Charlottenburg überlassen. Manche Anwohner sind in beiden Gruppierungen aktiv. Der MieterWerkStadt gelang es mit einer Unterschriftensammlung, das geplante Milieuschutzgebiet um den Klausenerplatz durchzusetzen.

Zu den aktuellen Forderungen des Kiezbündnisses gehört die Umwandlung der Kreuzung Horstweg / Wundtstraße zu einem Stadtplatz, der für den Durchgangsverkehr gesperrt werden sollte. Einig ist man sich mit vielen Bezirks- und Landespolitikern in dem Wunsch, die Stadtautobahn A 100 im Bereich des Autobahndreiecks Funkturm zu „deckeln“. Ob es zu einer solchen Überbauung kommt, entscheidet allerdings in erster Linie die Bundesregierung auf Auftraggeber der geplanten Autobahn-Sanierung.

Foto: Cay Dobberke

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