Nachbarschaft

Veröffentlicht am 22.11.2019 von Cay Dobberke

Hans-Joachim „Hajo“ Funke (links), Politikwissenschaftler und Rechtsextremismus-Forscher, wurde an seinem 75. Geburtstag mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Berlins Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, Steffen Krach, überreichte ihm die Urkunde und das Kreuz (Foto: Landesarchiv Berlin).

Der emeritierte Professor erinnert sich noch gut daran, wie er als Student während der Proteste gegen den Schah-Besuch am 2. Juni 1967 „von der Polizei durch Charlottenburg gejagt“ wurde. Dieser Vorfall und sein weiteres Engagement in der damaligen Studentenbewegung trugen maßgeblich dazu bei, dass sich Hans-Joachim Funke noch mehr der Politikwissenschaft zuwandte. Heute ist er besonders beim Thema Rechtsextremismus ein gefragter Experte. Obwohl er als Professor seit 2010 im Ruhestand ist, rufen Medien alle paar Tage bei der Freien Universität (FU) Berlin an, um Interviews mit ihm zu vereinbaren. Außerdem macht Funke als Privatdozent weiter. „Ich betreue noch Master-Arbeiten und Dissertationen.“

Mit der City West, wo der gebürtige Niederschlesier seit einigen Jahren wohnt, verbindet ihn noch mehr. Zum einen gefällt ihm seine Wohngegend zwischen dem Kurfürstendamm und dem Ernst-Reuter-Platz. Außerdem war Charlottenburg „der Ort, wo viele derjenigen leben, mit denen ich für mein Buch ,Die andere Erinnerunggesprochen habe“. Das in den 1980er Jahren entstandene Buch handelt von der Emigration jüdischer Gelehrter vor und während der Nazizeit.

An der Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz freut ihn besonders die Begründung, er habe „wie kaum ein anderer Wissenschaftler seines Fachs für die Sichtbarkeit der Politikwissenschaft gesorgt“ (die ganze Laudatio von Staatssekretär Krach können Sie hier lesen). Funke lehrte am Otto-Suhr-Institut der FU, war Gastforscher an der Harvard University sowie Gastprofessor an der University of California und ist Lehrbeauftragter für „Holocaust Studies and Communication“ am Touro College Berlin. Bereits seine Habilitation im Jahr 1984 hatte er dem Thema Antisemitismus gewidmet.

Vor ein paar Jahren trat Funke als Gutachter in sechs Untersuchungsausschüssen auf, die versuchten, die Aktivitäten der rechtsextremen Terrorgruppe NSU und den Umgang der Sicherheitsbehörden mit dieser aufzuklären. Vor zwei Jahren erschien sein jüngstes, gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Walid Nakschbandi geschriebenes Buch Deutschland – Die herausgeforderte Demokratie.

„Der Rechtsruck hat längst stattgefunden“, sagt der Politologe. Diese Entwicklung habe besonders 2014 mit dem Entstehen der fremdenfeindlichen „Pegida“-Bewegung eingesetzt und werde von der AfD fortgesetzt, die zur „weithin rechtsradikalen Partei“ geworden sei. Trotzdem sei die politische Lage in Deutschland nicht mit Österreich oder Italien vergleichbar. Funke bleibt optimistisch: „Die Demokraten haben alle Chancen, die Gefahren zu bannen.“ Dazu könnten Medien, aber auch die Sicherheitsbehörden beitragen. Denn nach vielen Problemen und Pannen in der Vergangenheit seien die Polizei, die Bundesanwaltschaft und das Bundesamt für Verfassungsschutz „inzwischen angemessen aufgestellt“.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter:  cay.dobberke@tagesspiegel.de

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Dieser Text ist im neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf erschienen. Den Newsletter aus dem Berliner Westen gibt es in voller Länge und kostenlos unter leute.tagesspiegel.de.

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