Nachbarschaft
Veröffentlicht am 03.07.2020 von Cay Dobberke
Michael Dauer (hier mit seiner Tochter Paula Trimbur) ist einer der Gründer des Schwarzen Cafés an der Kantstraße 148.
Hier treffen Nachtschwärmer, die bis morgens durchgehalten haben, auf Frühaufsteher, die ihren ersten Kaffee trinken. Warme Speisen werden rund um die Uhr serviert. Nur dienstags zwischen 3 und 10 Uhr schließt das Schwarze Café nahe dem Savignyplatz mal kurz. Vor allem dafür genießt es seit mehr als 40 Jahren einen legendären Ruf. Berühmt ist auch der kleine Balkon im ersten Stock, von dem aus man das Leben in der Kantstraße gemütlich beobachten kann. Doch die Coronakrise hat dem Lokal schwer geschadet – weshalb nun eine Online-Spendensammlung läuft.
Nach der zweimonatigen Schließung und mehreren Wochen mit eingeschränkten Öffnungszeiten seien die finanziellen Rücklagen aufgebraucht, sagt der 71-jährige Mitgründer Michael Dauer. Vor der Pandemie „waren wir auf einem guten Weg“, dann aber „schwamm die Kohle dahin“. Wegen der amtlichen Abstandsregeln wurde die Zahl der Stühle und Tische halbiert. Inzwischen öffnet das Café wieder 24 Stunden am Tag. Es mangelt allerdings an touristischer Kundschaft, weil in Berlin derzeit nur wenige Reisende unterwegs sind. Ob das Schwarze Café in seiner Existenz bedroht ist, werde sich in den nächsten Monaten zeigen, sagt Dauer: „Wir wissen nicht, ob wir durchkommen.“
Die Crowdfunding-Kampagne läuft bis Mitte August und hat bisher mehr als 21.000 Euro eingebracht. Als anspruchsvolles Ziel werden 410.000 Euro genannt. Dauer begründet das mit den hohen laufenden Kosten. Die Löhne für rund 70 Mitarbeiter und die „horrende Miete“ summieren sich auf weit über 100.000 Euro pro Monat. „Der Senat und die Bundesregierung lassen sich Zeit mit Zuschüssen, und mit Krediten ist uns nicht geholfen“, schreibt das Team auf der Webseite der Spendenaktion.
Der Name des Schwarzen Cafés erklärt sich aus dessen Wurzeln in der autonomen West-Berliner Szene. Im Zusammenhang dem links-alternativen „Tunix“-Kongress im Jahr 1978 hatte Michael Dauer das Lokal zusammen mit ein paar Freunden und Bekannten eröffnet. Dazu gehörten beispielsweise der spätere Bar jeder Vernunft-Chef Holger Klotzbach und die als „Szene-Ikone“ verehrte Konzertveranstalterin Monika Döring. Bewusst entschieden sich die Gründer für einen Standort „mitten im bürgerlichen Charlottenburg“ und nicht etwa in Kreuzberg.
„Keine Macht für Niemand“, der anarchistische Song von Rio Reiser und seiner Band „Ton Steine Scherben“, wurde auch im Café zur Hymne. „Das war unsere Welt“, sagt Dauer rückblickend.
Es gibt sogar einen Song über das Café, nämlich ein Lied von Marianne Rosenberg aus dem Jahr 2007. Es handelt auch von ihrer Freundschaft mit dem 1996 verstorbenen Rio Reiser, der häufig zu Gast an der Kantstraße war. Überhaupt könnte Michael Dauer viele Namen prominenter Besucher aufzählen. Doch er möchte nur zwei nennen. Besonders im Gedächtnis blieb ihm, wie „Liza Minelli nachts Karottentorte aß“. Gerne erinnert er sich auch an Udo Jürgens, der während Filmarbeiten in Berlin wiederholt vorbeikam. Jürgens sei „mehr als ein Schlagersänger“ gewesen, findet Dauer.
Bis heute betrachtet er den von drei Leuten geführten Betrieb als kollektives „Projekt“. Mit seiner Frau Inge Trimbur, die sich um die Buchhaltung kümmert, wohnt Dauer im Hinterhof. Paula Trimbur, eine der zwei Töchter der beiden, ist eigentlich Bühnenbilderin, bedient gelegentlich aber auch die Cafégäste. Michael Dauer selbst macht das nicht mehr und kümmert sich hauptsächlich um die Musik. Er stellt Mixtapes zusammen, bei denen es sich tatsächlich noch um analoge Audiokassetten handelt. Immer wieder staunen Besucher, wenn sie hinter der Theke das Tapedeck entdecken.
Das bunte Papageien-Logo des Lokals symbolisiert die Vielfalt. Diese herrscht sowohl bei der Kundschaft als auch unter den Mitarbeitern, die aus vielen Ländern stammen und homo-, bi- oder heterosexuell orientiert sind. Vor Kurzem lief Michael Dauer bei „Black Lives Matter“-Demos in Berlin mit. Typisch für seine gesellschaftspolitische Haltung ist auch eine mehr als 30 Jahre alte Geschichte. Als Inga Trimbur und ihre damals kleine Tochter nachts in ihrem Parterre-Zimmer schliefen, stieg ein Mann durch das offene Fenster und begrapschte die junge Mutter. Als sie aufwachte und sich wehrte, schlug er ihr vor seiner Flucht ein blaues Auge. Als Zeichen gegen sexuelle Gewalt und das Patriarchat kassierte Michael Dauer daraufhin eine Zeit lang eine D-Mark Eintritt von männlichen Cafégästen; das Geld kam Frauen zugute.
Foto: Cay Dobberke
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