Nachbarschaft

Veröffentlicht am 16.10.2020 von Cay Dobberke

In einem Fernschach-Turnier dauere eine Partie oft ein bis zwei Jahre, sagt Matthias Kribben. Für zehn Spielzüge habe ein Teilnehmer 50 Tage Zeit, man könne „vieles ausprobieren“ und beliebige Hilfsmittel nutzen. Das komme ihm sehr entgegen, denn beim herkömmlichen Schachspiel habe er feststellen müssen, dass „ich nicht so gut abstrakt vordenken kann“.

Umso besser spielt Kribben, der am vorigen Dienstag seinen 60. Geburtstag feierte, in seiner ruhigen Weise auf Distanz. Beim Fernschach steht er auf Platz 4 der Weltrangliste, 2014 wurde er Vize-Weltmeister. Außerdem ist er seit 2004 der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft und siegte mit dieser in drei Fernschach-Olympiaden. Diesen Namen tragen die Mannschaftswettbewerbe, obwohl das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Schachsport bisher nicht als Disziplin anerkannt hat.

Wer oft genug gegen anerkannt gute Spieler gewinnt, darf sich Fernschach-Großmeister nennen. Kribben trägt diesen Titel seit elf Jahren. Von 2004 bis 2010 war er Präsident des Berliner Schachverbands, der ihn später zum Ehrenpräsidenten ernannte. Früher amtierte Kribben auch als Vize-Präsident des Deutschen Schachbundes.

Bereits im Alter von sechs Jahren hatte der gebürtige Hesse das Schachspiel von seinem Vater erlernt. Sein erster großer Erfolg gelang ihm 1981, als er die Deutsche Fernschach-Jugendmeisterschaft gewann.

Nach einem BWL-Studium zog Kribben 1987 nach Berlin und leitete hier die Marktforschung der damaligen Drogeriekette drospa. 1991 gründete er am Kurfürstendamm ein Finanzberatungsbüro, in dem er vor allem Existenzgründer unterstützt. Außerdem promovierte er über das „Konsumentenverhalten in den neuen Bundesländern“.

Sein Hobby und sein Beruf hätten vieles gemeinsam, findet Matthias Kribben. In beiden Fällen seien „Strategien, Ausdauer und Geduld“ nützlich. Außerdem „hat auch die Beschäftigung mit Finanzen etwas Spielerisches“. Neben Schach mag er unter anderem auch Skat und Poker. Seine zwei Töchter lud er an seinem Geburtstag zu Brettspielen ein. Alles in allem ist für ihn klar: „Ich bin ein Spielertyp.“

In seiner Wohnung in Westend stehen einige Schachbretter, auf denen die Figuren aktuelle Spielstände darstellen. Diese Orientierungshilfen schätzt Kribben, obwohl er seine Partien eigentlich am PC spielt. Auf diesem stehen ihm vier verschiedene Schachprogramme zur Verfügung. Ohne Computerunterstützung „ist man heute chancenlos“, sagt er. Eine Kunst liege darin, „Stellungen anzustreben, die Computer nicht berechnen können“.

Zu jedem Zeitpunkt beteiligt sich Kribben gleichzeitig an mehreren Turnieren. Diese überschneiden sich oft, weil sie so lange dauern. Derzeit läuft die Endrunde der letzten Fernschach-Olympiade, die noch anachronistisch mit einem weltweiten Postkartenversand ausgetragen wird. Andere Wettbewerbe finden längst per E-Mail oder über Schach-Server im Internet statt. Die Postkarten-Olympiade endet voraussichtlich 2021 und Kribben rechnet damit, dass er mit der Nationalmannschaft die Gold- oder Silbermedaille erringen wird.

Foto: Cay Dobberke

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