Nachbarschaft

Veröffentlicht am 30.10.2020 von Cay Dobberke

„Der zweite Corona-Lockdown wird kommen“, hatte der Gastronom Vincenzo Berényi bereits am vorigen Dienstag geahnt, als wir ihn in den Kurpfalz-Weinstuben am Adenauerplatz / Ecke Wilmersdorfer Straße besuchten. Mit einem „erweiterten To-Go-Angebot“ reagiert er auf die erneute Zwangspause, in der Berliner Restaurants bis Ende November keine Gäste mehr empfangen dürfen. Bereits im Frühjahr sei der Außer-Haus-Verkauf vieler Speisen „gut angenommen worden“, erinnert sich Berényi an die Anfangszeit der Pandemie. Weinflaschen kann man bei ihm ohnehin immer zum Mitnehmen kaufen, „außer ein paar Raritäten“.

Zusäzlich plant er eine Online-Veranstaltungsreihe mit Knut Bergmann, dem Autor des Buches Mit Wein Staat machen – Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. „Wir stehen in den Startlöchern“, spätestens Mitte November soll es losgehen. Interessierte können im Restaurant dann „Kochboxen“ mit Gerichten abholen, die zu Hause nur noch erwärmt und gegebenenfalls mit einer beigefügten Sauce übergossen werden müssen. Gleichzeitig will sich Bergmann über das Konferenzprogramm „Zoom“ mit den Teilnehmern verbinden.

Der Autor erklärt die Speisen und dazu passende Weine, die einst bei Staatsbanketten serviert wurden – zum Beispiel 1963 in Paris anlässlich der Unterzeichnung des deutsch-französischen Élysée-Vertrags. Zu den angedachten neuen Angeboten der Kurpfalz-Weinstuben im Internet gehört auch ein täglicher Kurz-Kochkurs, der jeweils nicht länger als 30 bis 45 Minuten dauern soll.

Die Coronakrise wirkt auf Berényi wie eine „Achterbahnfahrt“. Sein Personal besteht aus vier Köchen, einer Spülkraft und sieben Aushilfen. Er meldete Kurzarbeit an, was bald aber auch zu einem großen Problem führen könnte. Denn im Januar verlässt der Sous-Chef das Restaurant. Wie er ihn ersetzen kann, weiß der Wirt noch nicht: „Bei Kurzarbeit sind ja keine Einstellungen möglich“. Bisher sei er in der Krise recht gut zurechtgekommen, auch weil er immer schon „vorsichtig gewirtschaftet“ habe.

Berényis 50. Geburtstag steht am 6. November bevor. Der Vater zweier Töchter feiert einerseits nur im kleinen Familienkreis, hat sich aber auch eine besondere Aktion ausgedacht. In einer „Geburtstags-Kochbox“ will er Speisen anbieten, die er selbst besonders gerne isst (im Hauptgang Boeuf Bourguignon). Als Überraschung steuern Kollegen aus dem Restaurant Cordo in Mitte eine „geheime“ Vorspeise bei. Mit den Abholern der speziellen Kochbox möchte Berényi auch kurz anstoßen.

Die Kurpfalz-Weinstuben sind eines der ältesten Berliner Lokale. 1935 waren sie vom Thüringer Fleischermeister Bruno Müller und seiner Frau Aenne als „Kurpfalz Schoppenstube und Weinhandlung“ im Vorderhaus am Adenauerplatz gegründet worden. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Räume durch britische Bomben zerstört. Von der originalen Einrichtung blieben fast nur ein paar bunt verzierte Fenster erhalten, die zum Schmuck der heutigen urigen Gasträume in einem Hofgebäude gehören.

Nach dem Krieg wurden die Weinstuben zum Treffpunkt einiger Stars. Im Gästebuch stehen Namen wie Hans Albers, Hildegard Knef, Curd Jürgens und Harald Juhnke. Als der Wirt Bruno Müller 1958 starb, führten seine Frau und seine Schwägerin den Betrieb bis 1975 weiter. Dann übernahm der Hamburger Gastronom Rainer P. S. Schulz das Lokal und übergab es im Jahr 2015 an Berényi. Als zweiter Geschäftsführer und Küchenmeister unterstützt ihn Sebastian Schmidt.

Auf der Speisekarte stehen deutsche Spezialitäten wie Pfälzer Saumagen, Ruppiner Lamm, Grafschafter Weinbergschnecken oder Eiffler Kaninchenkeule. Außerdem haben Gäste die Wahl zwischen rund 50 Weinsorten. Tagesspiegel-Gastrokritikerin Elisabeth Binder lobte das Lokal vor zwei Jahren als „Klassiker für Weinfreaks, die gute deutsche Küche lieben“ (den Artikel finden Sie hier auf tagesspiegel.de).

Wegen seines Namens wird Vincenzo Berényi oft für einen Ausländer gehalten. Tatsächlich kam er jedoch im Wilmersdorfer Martin-Luther-Krankenhaus zur Welt. Seine Großmutter war Venezianerin und sein Großvater ein ungarischer Jude. Seine Eltern lernten sich in Kärnten kennen, lebten anschließend in Wien und zogen in den 1960-er Jahren nach Berlin um.

Zuerst absolvierte Berényi eine Ausbildung als „Datenverarbeitungskaufmann“. In die Gastronomie sei er dann „reingeschlittert“, erzählt er. Im Gastronomischen Bildungszentrum Koblenz, das zu den bekanntesten Lehrstätten der Branche zählt, wurde er zum Sommelier und Restaurantfachmann. In Berlin arbeitete Berényi im Restaurant Borchardt, in der Enoiteca Il Calice und kurzzeitig auch als Vertriebsmanager des Fruchthofs Weiss.

Pfälzer Saumagen ist ein Klassiker auf der Karte in den Weinstuben. Besonders bekannt wurde das Gericht dadurch, dass der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl es vielen Staatsgästen servieren ließ.

Der eher schlechte Ruf der Spezialität beruhe allein auf dem Namen, betont Berényi. Tatsächlich verbergen sich darin keine widerlichen Innereien, sondern mageres Schweinefleisch, Kartoffeln und Brät. Den umhüllenden Saumagen, der in Scheiben geschnitten wird, esse selbst in der Pfalz kaum jemand mit, sagt der Wirt. Bei ihm wird Kunstdarm benutzt, auf den Tisch kommt nur der Inhalt. Bei unserem Gespräch legte Berényi Wert darauf, dass wir den Pfälzer Saumagen einmal probieren  – es schmeckte ausgezeichnet.

Foto: Cay Dobberke

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