Nachbarschaft

Veröffentlicht am 27.11.2020 von Cay Dobberke

Wussten Sie schon, dass knallende Champagnerkorken auf Opernbühnen wegen des dortigen Alkoholverbots simuliert werden, indem man eine Flasche mit Apfelsaftschorle füllt und bis kurz vor der Szene in einer Gefriertruhe kühlt? Oder dass die Trinkgefäße manchmal gar keine Flüssigkeit enthalten, sondern nur das Glas passend lackiert ist? Als freiberufliche Opernregisseurin, Hochschullehrerin, Autorin und Coach kennt Jasmin Solfaghari viele solche Tricks und beschreibt sie in ihrem Opernführer für Einsteiger.

Seit 16 Jahren lebt die Künstlerin in Charlottenburg, im Arbeitszimmer ihrer Wohnung stehen große Regale voller Fachliteratur. Aber auch das Rheingold und die Kröte aus Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ schmücken den Raum. Die Requisiten stammen aus einer Inszenierung an der Deutschen Oper, wo Jasmin Solfaghari früher Oberspielleiterin war. Heute gehört sie dort zur künstlerischen Leitung der „Festlichen Operngala für die Aids-Stiftung“ – die in diesem Jahr allerdings wegen der Coronakrise ausfiel.

Das Rheingold, das die Künstlerin auf unserem Foto trägt, ist übrigens ganz leicht und besteht aus Pappmaché. Mit Wagners Musik verbindet Jasmin Solfaghari noch mehr. Sie leitet auch die Jury des Nachwuchspreises der Richard Wagner Stiftung in Leipzig. Außerdem hat sie Kapitel in ihren Büchern, zu denen auch ein „Crashkurs Oper“ zählt, dem Nibelungen-Zyklus gewidmet.

Nicht nur Blicke hinter die Kulissen des Spielbetriebs unterscheiden ihren Einsteiger-Opernführer von typischen derartigen Werken. Es gibt das Buch in vier verschiedenen Ausgaben: „Deutsch–Fränkisch“, „Deutsch-Alemannisch“, „Deutsch–Sächsisch“ und ganz neu auch in englischer Sprache als „Opera Guide for Beginners“. In den drei erstgenannten Ausgaben sind mehrere Kapitel sowohl auf Hochdeutsch als auch im jeweiligen Dialekt enthalten. So wird aus Mozarts  „Die Hochzeit des Figaro“ schon mal sächselnd „De Hochzeit von däm Figaro“.

Die Idee für die Dialektausgaben sei ihr und dem älteren ihrer zwei Söhne „nachts um drei“ in ihrer Wohnung gekommen, als sie überlegten, was den Opernführer einzigartig machen könnte, erzählt Jasmin Solfaghari. Als gebürtige Freiburgerin beherrscht sie das Badische und schrieb zunächst in diesem Dialekt. Eine Sprachexpertin übersetzte diese Texte später in Alemannische. Für die anderen Ausgaben sorgten weitere Fachleute.

Wir verlosen sechs Exemplare unter allen Leserinnen und Leserinnen, die auf der Tagesspiegel-Gewinnspielseite das Stichwort „Opernführer“ eingeben. Zusätzlich können Sie den gewünschten Dialekt eintragen.

Die Sprache ist für Jasmin Solfaghari auch in ihrer Tätigkeit als Coach bedeutsam. Dazu gehört nämlich unter anderem, ausländischen Sängerinnen und Sängern die „deutsche Diktion“ beizubringen.

Als Regisseurin arbeitet sie hauptberuflich für die schweizerische Theater- und Filmproduktionsfirma Pamy und leitet deren Abteilung Oper. Darüber hinaus bereitete sie für das Landestheater Neustrelitz zuletzt eine Inszenierung der Oper „Dornröschen“ von Engelbert Humperdinck vor. Infolge der Corona-Regeln sei das mit viel „Mathematik“ verbunden gewesen, sagt Jasmin Solfaghari. Anfangs benutzte sie beispielsweise eine Grundriss-Skizze und Klebezettel, um sich die Abstände zwischen den Akteuren vorstellen zu können. Doch nach der Verlängerung des Teil-Lockdowns musste die im Dezember geplante Premiere soeben auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

An ihrem Kiez zwischen dem Savignyplatz und dem Karl-August-Platz schätzt die 57-Jährige unter anderem die Gründerzeitarchitektur und dass die Gegend durch den „Zusammenhalt“ ihrer Nachbarn fast dörflich wirke. „Als Freiburgerin fühlt man sich hier wohl.“ Alltägliche Besorgungen macht sie zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Dabei kauft sie gerne in kleinen Läden ein oder besucht den Wochenmarkt auf dem Karl-August-Platz, auch um dort „Leute zu treffen“.

Ein gesellschaftliches Problem, das „mich sehr beschäftigt“, ist die Obdachlosigkeit. Erst vor wenigen Tagen kaufte Jasmin Solfaghari einige Schlafsäcke und brachte sie zur Berliner Stadtmission an der Lehrter Straße. Früher war sie auch für die Berliner Tafel als Fahrerin im Einsatz.

Foto: Cay Dobberke

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter:  cay.dobberke@tagesspiegel.de