Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.01.2021 von Cay Dobberke

Ernst Kurz leitet seit Jahrzehnten einen Suchthilfeverein, ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und wird am 13. Februar 85 Jahre alt.

„Ich bin fit wie ein Turnschuh“, sagt Ernst Kurz und sieht daher trotz seines hohen Alters keinen Grund, als Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins Berliner Sozialtherapeutische Wohnheime (BSTW) zurückzutreten. Aber es gab auch Zeiten, in denen es ihm schlecht ging. Er macht daraus kein Geheimnis – ganz im Gegenteil. Freimütig erzählt Kurz, dass er einst 15 Jahre lang Alkoholiker war und von morgens bis abends Bier und Wodka soff. Dadurch könne er sich sehr gut in Suchtkranke einfühlen.

Manche Leute seien als „Suchtmenschen“ veranlagt, glaubt Kurz. In seinen jungen Jahren kamen persönliche Probleme hinzu. Er stammt aus einer hessischen Gemeinde, in der seine Eltern eine Milchwirtschaft betrieben. Gegen seinen Willen machte er auf ihren Druck hin eine Lehre als Landwirt und übernahm den Bauernhof.

Weil seine Freundin schwanger wurde, heiratete Kurz sie im Alter von 21 Jahren. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, mit denen er bis heute „in gutem Kontakt“ steht. Doch er liebte seine Frau nicht. „Ich bin bisexuell und fühle mich mehr zu Männern hingezogen.“ Das habe er zuerst verschwiegen, weil schwule Männer damals gesetzlich verfolgt wurden.

Später jedoch habe er „wesentlich zur Anerkennung der Homosexualität beigetragen“, findet Kurz und erwähnt einen Dankesbrief, den er von Klaus Wowereit (SPD) während dessen Amtszeit als Regierender Bürgermeister von Berlin erhalten hatte.

Von der Alkoholsucht befreite sich Ernst Kurz als 43-Jähriger durch einen sechsmonatigen Aufenthalt in einer Spezialklinik. Seitdem sei er absolut „trocken“, sagt er. Einige Jahre zuvor hatte er sich dazu entschieden, einen zweiten Beruf als Krankenpfleger zu erlernen und nach Berlin umzuziehen. Hier arbeitete er in einer Klinik, die ihn aber wegen seines Alkoholismus entließ. Er wurde obdachlos.

Der Wendepunkt folgte nach der Therapie. Im Mariendorfer Klinikum des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) stieg Kurz zum Leiter der Entzugsstation auf. Außerdem übernahm und rettete er den 1987 gegründeten Verein, dem er bis heute vorsteht, vor der Insolvenz. Bereits 1990 verlieh ihm der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) das Bundesverdienstkreuz.

Unser Foto zeigt Ernst Kurz im Galerie-Café des Vereins am Bundesplatz in Wilmersdorf, wo es keine alkoholischen Getränke gibt – aber Kuchen, den der Chef vor allem für Obdachlose backt. Sonntags traf sich dort eine von ihm geführte Selbsthilfegruppe aus Suchtkranken. Wegen der Coronavirus-Pandemie musste das Café allerdings vorerst schließen.

Betreutes Gruppen- und Einzelwohnen bietet der Verein in Kreuzberg und Wedding an. „Wir wollen den Weg in die Abstinenz aufzeigen und verdeutlichen, dass ein Leben ohne Alkohol und Drogen lebenswert ist“, schrieb uns der leitende Mitarbeiter Matthias Fink. 15 Sozialarbeiter kümmern sich um Suchtkranke und Obdachlose. Hinzu kommt ein halbes Dutzend anderer Mitarbeiter – darunter ein Busfahrer, der einen Kleintransporter für Fahrten zu Ämtern und Wohnungsumzüge steuert.

Zum 85. Geburtstag könnte Ernst Kurz normalerweise viele Gäste erwarten. Aber während der Coronavirus-Pandemie geht das nicht. „Ich bin dann hier“ im Café am Bundesplatz, sagt er, und will sich davon überraschen lassen, wer ihn dort besucht. – Foto: Cay Dobberke

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