Nachbarschaft

Veröffentlicht am 26.03.2021 von Cay Dobberke

Raliza van Oijen ist Profi-Tänzerin, Musical-Darstellerin, Choreografin und Sängerin (perfectstrangersproduction.com).

Zehn Jahre lang tourte sie mit der früheren „Boney M.“-Sängerin Marcia Barrett um die Welt, bis die Coronavirus-Pandemie begann. Zuletzt spielte Raliza van Oijen auch die weibliche Hauptrolle beim Krimi-Dinner „Columbo“ der Berliner Gruppe Brot und Spiele, moderierte singend Shows in der Varieté-Bar Knutschfleck am Alexanderplatz und gab Unterricht in Musical- und Tanzschulen.

Im jetzigen Lockdown bleibt davon nicht mehr viel übrig. „Ohne Corona hätten wir weitere Auftritte gehabt“, sagt sie über ihre Zusammenarbeit mit Marcia Barrett als Tänzerin und Choreografin. Auch alle anderen Shows scheinen in weite Ferne gerückt. Doch die Künstlerin gibt nicht auf. Im Februar startete sie die Online-Reihe „Let Me Entertain You“.

Jeden Sonntag steht sie mit Gästen aus der Musikszene im Ballett Centrum am Adenauerplatz vor der Kamera. Über das Konferenzprogramm „Zoom“ kann sich das Publikum auch an Gesprächen beteiligen. Beim nächsten Mal empfängt Raliza van Oijen am 28. März von 19 bis 20 Uhr den Rockabilly-Sänger Mikey Cyrox, der unter anderem schon in Fernsehsendungen wie „The Voice of Germany“ aufgetreten ist. Die Teilnahme per Zoom kostet 10 Euro (Anmeldung: ralizadance@yahoo.de, Bezahlung über PayPal).

Am 4. April ab 19 Uhr folgt ein Livestream mit dem Musicalchoreografen, Sänger, Tänzer und Schauspieler Mario Mariano. Ihn kennt Raliza van Oijen als langjährigen Tanzpartner bei den Shows von Marcia Barrett. Einige Videos präsentiert van Oijen auch auf YouTube und bittet dabei um Spenden.

Als alleinerziehende Mutter zweier Söhne hat sie es nicht leicht. Die Zeiten, in denen sie sich und ihren Kindern viele Wünsche erfüllen konnte, sind erst einmal vorbei. Das Geld wird knapp, denn die Online-Veranstaltungen bringen nicht viel ein. Teilweise digitalisiert hat Raliza van Oijen auch ihren Unterricht als Musical-Ausbilderin und Dozentin für Modern Dance. Sie lehrt unter anderem am Ballett Centrum, an der Filmschauspielschule Berlin, an der International Dance Academy, an der Berlin School of Dance und im „Haus der Jugend“ in Zehlendorf.

Präsenzkurse für professionelle Tänzerinnen und Tänzer gibt es noch im Ballett Centrum, weil der Leiter Christian Toberentz eine entsprechende Ausnahmegenehmigung erreichen konnte. Trotzdem „kam oft die Polizei vorbei“, erzählt Raliza van Oijen. Anscheinend hielten Passant:innen die Musik und den Tanz in der ersten Etage für Verstöße gegen die Vorschriften.

Vor 41 Jahren wurde die Künstlerin in der bulgarischen Hauptstadt Sofia geboren. „Ich stamme aus privilegierten Verhältnissen“, sagt sie. Ihr Großvater war bulgarischer Innenminister und ihr Onkel – der heutige Europa-Abgeordnete Stefan Sofijanski – von 1995 bis 2005 der Bürgermeister von Sofia. Nach der Trennung ihrer Eltern wuchs Raliza van Oijen zunächst bei den Großeltern auf. Ihre Oma nahm sie einmal im Monat mit zu Opernaufführungen. Außerdem bekam sie Klavierunterricht und gehörte in der Schule einem Volkstanz-Ensemble an.

„Ich bin keine Ballerina“, stellt Raliza van Oijen klar. Sie möge es poppiger und sei so „in die moderne kommerzielle Schiene gerutscht“. Als 13-Jährige zog sie zu ihrer nach Berlin übergesiedelten Mutter. Diese wollte ursprünglich nicht, dass ihre Tochter eine Karriere als Tänzerin beginnt. „Fast hätte ich Bildende Kunst studiert“ erinnert sich Raliza van Oijen. Damals schuf sie gerne surrealistische Bilder. Heute „male ich nur noch mit den Kindern“.

Das Ballett Centrum besuchte sie schon als 15-Jährige, damals noch am Standort im Ku’damm-Karree, und erhielt dort 2004 ihr Diplom als Musicaldarstellerin. Ihr Abitur machte Raliza van Oijen am Hildegard-Wegscheider-Gymnasium in Grunewald. Bei den Abschlussprüfungen war sie entspannt, weil sie vorher schon die Aufnahme in den Studiengang Musical / Show der Universität der Künste (UdK) Berlin geschafft hatte. Ihr Studium finanzierte Raliza van Oijen mit Putzjobs und als Tanzlehrerin in einer Betriebssportgruppe des Rundfunks Berlin-Brandenburg.

Später folgten Engagements für Shows in Las Vegas, die Rolle der Ava Gardner im Musical „Rat Pack“ in Amsterdam, Auftritte als Tänzerin bei der Deutschland-Tournee von „ABBA Greatest“ und einiges mehr. Gerne zeigt Raliza van Oijen auch ein Foto aus dem Jahr 2013, das sie als Begleittänzerin von Superstar Madonna zeigt. Die US-Sängerin trat damals in einem neuen Berliner Fitnessstudio der (später pleite gegangenen) Marke „Hard Candy“ auf.

Mit „Boney M.“-Sängerin Marcia Barrett, die mittlerweile 72 Jahre alt ist und ebenfalls in Berlin wohnt, verbindet die Tänzerin eine enge Freundschaft. „Ich manage sie auch etwas“, sagt Raliza van Oijen. Derzeit sucht sie Leute aus der Kino- oder Fernsehbranche, die Barretts Leben auf der Basis ihrer im Jahr 2018 erschienenen Autobiografie verfilmen möchten.

Die langjährige Zusammenarbeit hatte begonnen, als Barrett um Bewerbungen von Tänzer:innen für ihre internationalen Konzerte bat. Raliza van Oijen erfuhr davon telefonisch, während sie mit ihrem Handy „in einem Gummiboot auf dem Gardasee lag“. Sie brach ihren Urlaub sofort ab, kehrte nach Berlin zurück und überzeugte die Sängerin von sich. In deren Gruppe wurde sie zum einzigen Mitglied mit weißer Hautfarbe, was sie stolz macht und ungewöhnlich wirkt, weil Boney M. ursprünglich nur aus Menschen mit karibischer Herkunft bestand. Den berühmten Namen tragen jetzt übrigens mehrere Bands, darunter eine der früheren Leadsängerin Liz Mitchell.

Neu durchstarten möchte Raliza van Oijen bald auch mit ihrer Agentur „Perfect Stranger Productions“, die akrobatische und musikalische Shows organisiert. Eine Webseite dazu wurde soeben freigeschaltet – in der Hoffnung auf bessere Zeiten nach dem Lockdown. Fernsehsendern möchte die Künstlerin außerdem die Aufzeichnung einer „magischen Weihnachtsshow“ mit Luftakrobat:innen anbieten. Dafür hatte sie im vorigen Advent die Eventlocation Queens 45 an der Königin-Elisabeth-Straße gemietet und viel Geld investiert.

In Berlin wohnte Raliza van Oijen in verschiedenen Bezirken. Seit ein paar Jahren lebt sie mit ihren Kindern wieder am Kurfürstendamm in der Mietwohnung ihrer Mutter. Eine Zeitlang teilte sich die Familie die Räume, bis die Mutter aus der Sorge vor einer Corona-Infektion umzog. Für die Tochter ist die Lage im Halenseer Teil des Ku’damms ideal. Fast alle Tanzschulen, in denen sie unterrichtet, „kann ich in sechs Minuten erreichen“.

Foto: Cay Dobberke

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