Nachbarschaft

Veröffentlicht am 16.04.2021 von Cay Dobberke

Tanja Szymansky ist eine der zwei Chefinnen des Stadtführungsbüros art:berlin und der Veranstaltungsagentur cpb culturepartner berlin.

Was macht man mitten im Corona-Lockdown, wenn sich eine ausländische Botschaft für drei Staatsgäste eine Führung zum Thema „Berliner Mauer“ wünscht? Gemäß der Kontaktbeschränkungen in der Pandemie hätte man sich eigentlich nicht treffen dürfen. Doch zum Glück scheuten die Diplomaten keine Kosten. Also setzte Tanja Szymansky gleich drei Mitarbeiter:innen ein, die jeden der Gäste einzeln und mit Abstand zu den anderen begleiteten.

Für die regelmäßigen Stadtführungen von „art:berlin“ kommt eine solche Lösung allerdings nicht infrage. Als die Corona-Pandemie begann, dachte sich Tanja Szymansky: „Das dauert mindestens eineinhalb Jahre.“ Obwohl Online-Veranstaltungen eigentlich „nicht unsere Kernkompetenz“ sind, begannen sie und ihre Mitgeschäftsführerin Sabine Greiner, virtuelle Führungen vorzubereiten. Im vorigen Januar ging es damit los.

An diesem Sonnabend, 17. April, von 17 bis 18 Uhr wird eine Stadtführerin zum dritten Mal in der Villenkolonie Grunewald unterwegs sein. Mit dabei ist ein Praktikant, der alles mit einem Smartphone an einer stabilisierenden Halterung (Gimbal) filmt. Die Aufnahmen gelangen über das Videokonferenzprogramm „Zoom“ an die Teilnehmer, die auch Fragen stellen können. Als Ergänzung werden historische Bilder eingespielt. Die Zugangsdaten kosten 12, ermäßigt 10 Euro – mehr dazu hier.

Wir verlosen drei Tickets unter allen Leserinnen und Lesern, die bis Sonnabend um 10 Uhr unter tagesspiegel.de/gewinnen das Stichwort „Grunewald“ eingeben.

In ihrer Wohnung nahe dem Volkspark Wilmersdorf moderiert Tanja Szymansky die Touren. In der Berliner Stadtgeschichte kennt sie sich bestens aus, obwohl sie aus Oberfranken stammt. „Eigentlich wollte ich Journalistin werden“, erzählt die Unternehmerin. Sie studierte Politik, Geschichte und Germanistik in Bonn und zog 1992 mit ihrem Mann nach Berlin. 1998 kam der erste ihrer zwei Söhne zur Welt. Tanja Szymansky berichtete freiberuflich für die Tagesspiegel-Schwesterzeitung „Potsdamer Neueste Nachrichten“ aus Nauen, sie arbeitete auch in der Unternehmenskommunikation des Pharmakonzerns Schering und als Angestellte für eine Eventagentur.

Immer mehr interessierte sich Szymansky für die Veränderung Berlins, etwa am Potsdamer Platz. 1997 trat sie dem Team der damals noch jungen Firma art:berlin bei. Als deren Gründerin im Jahr 2015 in den Ruhestand ging, übernahmen Tanja Szymansky und Sabine Greiner die Geschäftsführung und gliederten das Unternehmen in ihre Agentur „cpb culturepartner berlin“ ein. Diese veranstaltet unter anderem „Dinner in besonderen Räumen“, Galas und Tagungen, die sich mit den Führungen verbinden lassen. Während der Pandemie liegt der Veranstaltungsbetrieb natürlich brach.

Die Stadtführungen sind keine Sightseeing-Ausflüge zu den üblichen Sehenswürdigkeiten. Einer der Schwerpunkte ist Architektur. Seit sechs Jahren veranstaltet art:berlin zum Beispiel die Touren des Berliner Bauhaus-Archivs. Der zweite wichtige Bereich sind Kunstführungen. Bis zur Coronakrise gab es Rundgänge anlässlich besonderer Veranstaltungen wie dem „Gallery Weekend Berlin“, Besuche in Ateliers junger Künstler oder Erkundungen zum Thema Streetart. Der dritte Schwerpunkt sind Kiezführungen.

Manchmal übernimmt Tanja Szymansky auch selbst die Leitung. Das Kernteam besteht aus sechs Frauen, einem Praktikanten und einem Azubi. Die Stadtführer:innen sind Freiberufler.

Anfangs wurden die virtuellen Spaziergänge auf 45 Minuten begrenzt. Bald zeigte sich aber, dass viele Teilnehmer:innen gerne länger zugeschaltet bleiben möchten. Außerdem beteiligen sich online viel mehr Menschen aus anderen Städten. Möglichst ab September oder Oktober soll es wieder reguläre Führungen geben, die digitalen Exkursionen werden dann als Zusatzangebot fortgesetzt.

Von Online-Veranstaltungen allein „können wir wirtschaftlich nicht leben“, sagt Tanja Szymansky. Die Beschäftigten sind teilweise in Kurzarbeit, außerdem erhielt die Firma die staatliche „Novemberhilfe“. Darüber hinaus bewarb sich die Unternehmerin erfolgreich als Vertretungslehrerin beim Oberstufenzentrum (OSZ) Strausberg. Dort unterrichtet sie Deutsch, Geschichte und politische Bildung – und möchte gar nicht mehr damit aufhören. Deshalb wird sie wohl auch nach der Krise zwei Berufe ausüben.

  • Foto: Cay Dobberke
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