Nachbarschaft

Veröffentlicht am 23.04.2021 von Cay Dobberke

Marc Hertling betreibt am Kurfürstendamm den Delikatessenversand British Gourmet (british-gourmet.de).

Bei ihm gibt es weder Shortbread noch gebackene Bohnen oder Cadbury Schokolade, auch keine englischen Würstchen und keinen Ketchup. Den Verkauf solcher bekannter Spezialitäten aus Großbritannien „überlassen wir gerne anderen“, sagt Marc Hertling. Sein Sortiment besteht aus Lebensmitteln, die er selbst bei Reisen durch England entdeckt hat, zum Teil in Kleinstädten und Dörfern. „Ich biete nur Sachen an, die mir auch schmecken“, sagt der Unternehmer.

In seinem Webshop stammen die Produkte von maximal 25 Herstellern, die im deutschen Einzelhandel sonst nicht vertreten sind. Unter anderem gibt es „Kent Crisps“-Kartoffelchips sowie handgemachte Schokolade und Öle aus der englischen Grafschaft, „Sparkling Wine“ aus einem kleinen Weingut oder Müsli und Porridge aus der familiengeführten Getreidemühle „Wessex Mill“. Bald soll es auch Meersalz aus Cornwall geben – und Gin aus Gibraltar, den Hertling wahrscheinlich aber erst beschaffen kann, wenn er das britische Überseegebiet wieder einmal besucht.

In England ist er regelmäßig mit einem SUV unterwegs und koppelt manchmal einen Anhänger daran. Seine Bekanntschaft mit der Chefin von „Kent Crisps“ erspart ihm lange Wege. Denn auch die anderen Hersteller senden ihre Delikatessen zu dem Unternehmen in Canterbury, wo Hertling sie dann abholt. Das nächste Mal will er in zwei Wochen aufbrechen. In der Coronakrise kann er sich allerdings nur noch zwei Tage lang in Großbritannien aufhalten, weil der letzte negative Test auf das Virus nicht länger als 24 Stunden zurückliegen darf und man sich andernfalls in Quarantäne begeben muss.

50 bis 60 Mal ist Marc Hertling bereits nach England gereist. Seine Begeisterung zeigt sich auf viele Weise. Er fährt ein britisches Auto und trägt gern eine Lederjacke mit einem aufgenähten Union Jack, der an seinem Computer auch das Mauspad ziert. Für ihn wäre es „ein Traum“, in einem kleinen Ort in Cornwall zu leben. Er mag die „Herzlichkeit“ der Engländer, die „immer freundlich und hilfsbereit“ seien.

Als Filmjournalist war er auch früher schon beruflich nach Großbritannien gereist, um Interviews zu führen. Hertling stammt aus Nordrhein-Westfalen, seine Großmutter besaß ein Kino in Castrop-Rauxel. „Pippi Langstrumpf und Godzilla“ machten ihn schon früh zum Filmfan. Sein Vater ist gebürtiger Berliner, er selbst kam als Zwölfjähriger hierher. Später wurde Hertling zum Chefredakteur einer Kinozeitschrift und arbeitete im Marketing dreier Filmverleihe.

Heute betreibt er die Agentur 24U Media & Marketing Network und sorgt beispielsweise dafür, dass Werbung für neue Filme auf Kakaogetränke-Kartons oder die Deckel von Würstchengläsern gedruckt wird. In dieser Rolle sei er ein „Mittler zwischen Filmverleihern und Herstellern“, sagt Hertling.

Die Schließung der Kinos im Lockdown hat das Geschäft der Agentur allerdings stark ausgebremst und Planungen erschwert. Wenn beispielsweise die Veröffentlichung des nächsten Filmes aus der Reihe „Mission Impossible“ vom kommenden Oktober auf den Mai 2022 verschoben wird, bringt dies natürlich auch die Marketingstrategie durcheinander.

Andererseits hat ihm die Krise mehr Zeit für den England-Shop verschafft. Die Idee dazu hatte er bereits vor zwei Jahren. Im vorigen Februar ging „British Gourmet“ online. Hertling nutzt ein kleines Büro im Halenseer Teil des Ku’damms und hat andernorts in Berlin ein Lager angemietet. Er wohnt in Heiligensee, arbeitet jedoch nicht im Homeoffice, weil ihn dort zu vieles ablenken würde.

Die englische Küche stehe zu Unrecht noch immer in einem schlechten Ruf, findet der Unternehmer. Nach seinen Erfahrungen servieren Pubs zum Beispiel gutes Rindfleisch aus regionaler Produktion; in Farmshops könne man viele lokale Spezialitäten finden. Den Brexit „verstehe ich, auch wenn manches kompliziert geworden ist“, sagt Hertling. Die Briten legten nun einmal viel Wert auf Unabhängigkeit und eigene Rechte. „England war schon immer speziell“, was sich auch daran zeige, dass es bis heute ein Königshaus gibt. Außerdem habe der Austritt aus der EU auch positive Folgen wie die schnelleren Impfungen gegen das Coronavirus.

Mit seinen Mitbringseln aus England hat er weiterhin kaum Probleme und sagt, dem britischen Zoll genüge beim Export der „Nachweis, dass die Waren dort produzieren wurden“. Nur die Einfuhr nach Deutschland verlaufe etwas bürokratischer.

Der Onlinehandel wirft noch keinen Profit ab, deckt zumindest aber schon die Kosten. Später einmal möchte Hertling mit einem Laden in den stationären Einzelhandel einsteigen. Derzeit beliefert er wenige ausgewählte Geschäfte wie die „Genussmanufaktur Brandenburg“.

  • Foto: Cay Dobberke
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