Nachbarschaft

Veröffentlicht am 30.04.2021 von Cay Dobberke

Rainer Stobbe (rechts) und Yoko Kubota-Koglin verkaufen japanische Delikatessen im Reisebüro HIS Japan Food & Travel an der Leibnizstraße 59.

Statt Reisen gibt es jetzt Reis und viele andere Spezialitäten – darunter Sake, Tee, Miso-Paste, frisches Gemüse aus Japan, vegetarische Instantnudelsuppen, Kekse und Süßigkeiten, Buchweizen- und Undonnudeln, Würzmischungen und getrocknete Bonitofisch-Flocken.

Stobbe stammt aus Wolfenbüttel und studierte Japanologie an der Freien Universität (FU) Berlin. Den Mauerfall in seiner neuen Heimatstadt erlebte er 1989 nur aus der Ferne in Kyoto, wo er sein Auslandsjahr absolvierte. Nach seinem Magister arbeitete er für eine japanische Fernsehproduktionsgesellschaft in Berlin, nahm an einem deutsch-japanischen Austauschprogramm teil und engagierte sich für die Partnerschaft zwischen einer saarländischen und einer japanischen Stadt.

Als Angestellter der japanischen Touristikagentur H.I.S. eröffnete Stobbe im August 2019 das Reisebüro in Charlottenburg. „Gegen den Trend zur Online-Buchung“ sei es vielversprechend gestartet, sagt er. Einen Boom erhoffte sich die Agentur durch die ursprünglich im vorigen Jahr geplanten Olympischen Sommerspiele in Tokio – bis die Corona-Pandemie ausbrach und das Geschäft zusammenbrach. Ausländische Touristen sind auch von den nunmehr ab dem 23. Juli geplanten Olympischen Spielen ausgeschlossen, derzeit dürfen sie nicht einmal nach Japan einreisen. Für Stobbe bedeutet dies, dass er das Land nicht wie gewohnt ein bis zwei Mal pro Jahr besuchen kann.

Seit dem vorigen November, als der zweite Corona-Lockdown in Berlin begann, setzt H.I.S. auf „kulinarische Reisen nach Japan“. Im Reisebüro hatte Stobbe alles alleine gemacht, nun unterstützt ihn seine japanische Kollegin Yoko Kubota-Koglin.

Innerhalb kurzer Zeit „sind wir für die japanische Community zu einer Art Grundversorger geworden“, sagt Stobbe. Reiskräcker könne er „gar nicht so schnell nachbestellen“, wie sie gekauft werden. Unter den neuen Stammkunden gebe es auch viele Berliner, die sich für die japanische Küche begeistern. Überhaupt sei das Land zum „Sehnsuchtsort für Viele geworden“, wohl auch „aus Bewunderung der Kultur“ und wegen des Interesses an Anime und Manga.

Von typischen Asia-Märkten unterscheidet sich der Laden, weil es hier ausschließlich Lebensmittel aus Japan gibt. Dazu gehören regionale Spezialitäten, die selbst dort nicht überall einfach zu bekommen sind. Sobald es die Corona-Regeln zulassen, soll es auch „Sake aus dem Fass“ geben. Sushi-Boxen bezieht das Geschäft aus dem Restaurant Kushinoya an der Bleibtreustraße.

„Durch die begrenzte Fläche und Verfügbarkeit“ ändere sich das Angebot ständig, sagt er. Für wenig bekannte japanische Produkte soll es bald Anleitungen und Rezepte geben. Den Lebensmittelverkauf möchte Stobbe auch nach der Pandemie fortführen. Nur für einen Onlineshop oder Lieferdienste „fehlen die Kapazitäten“. Gerne würde er der Kundschaft kleine Proben anbieten, doch das verbietet momentan die Infektionsschutzverordnung.

Das Reisebüro besteht sozusagen auf Sparflamme fort. Japaner:innen, die in Berlin leben, können den „Japan Rail Pass“ für die Eisenbahn und SIM-Karten für die Mobilfunknetze in ihrer Heimat erwerben.

  • Foto: Cay Dobberke
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