Nachbarschaft

Veröffentlicht am 07.05.2021 von Cay Dobberke

Katharina Koschny ist Synchronsprecherin, Schauspielerin und Sängerin. Unterricht bietet sie in ihrer „Akademie für professionelles Sprechen“ in Wilmersdorf an (mikrofonsprechen.de).

Sie möchte „jedem Text Leben einhauchen“, Emotionen transportieren und „das ehrenvolle Sprecherhandwerk wieder ins Bewusstsein bringen“. Jeder Wortbeitrag drücke Gedanken und Absichten der Autor:innen aus und habe damit „eine Seele“, findet Katharina Koschny. Sie stört sich daran, dass viel weniger Sprecher:innen der Radio- und Fernsehsender richtig ausgebildet sind – und im Internet erst recht kaum jemand darauf achte. Für sie bedeutet Sprache eine „Verantwortung in der Öffentlichkeit“.

Deshalb gründete sie vor zehn Jahren mit ihrem Lebensgefährten, dem Musiker und Komponisten Rudy Redl, die „Akademie für professionelles Sprechen“ in einer großen Altbauwohnung an der Brandenburgischen Straße. In einem Teil der Zimmer wohnen die beiden auch. Nach Kursen freut sich Katharina Koschny abends oft über das Gefühl, der „Geist“ der Teilnehmer umgebe sie noch etwas.

Ihre Kundschaft ist bunt gemischt. Wie nicht anders zu erwarten, gehören Synchron-, Nachrichten- und Hörbuchsprecher:innen, Moderator:innen und  Schauspieler:innen dazu. Zu den Kursen und Workshops kamen beispielsweise aber auch eine Ärztin, ein Yogalehrer, ein Sozialarbeiter, ein Trauerredner, Reiseleiter:innen und Flugbegleiter:innen, eine Märchenerzählerin sowie der Teamleiter eines Callcenters. Der Chefredakteur einer Zeitung ließ sich ebenfalls schulen – vermutlich für Podiumsdiskussionen und andere öffentliche Auftritte.

Im Laufe von vier Jahrzehnten entwickelte Katharina Koschny ihr als Markenzeichen eingetragenes „ariadne system“. Als Besonderheiten nennt sie unter anderem, dass es „pro Satz nur eine Betonung“ gebe, jeweils ein „klarer Gedanke“ ausgedrückt und die Notation strukturiert werde. Es gibt noch viel mehr Punkte, über die Koschny gern ausführlich und engagiert berichtet. Deren Auflistung würde an dieser Stelle etwas zu weit führen – auf der Webseite der Akademie steht mehr dazu.

Die Coronakrise macht es Katharina Koschny schwer. Normalerweise unterrichtet sie Gruppen von acht bis zehn Leuten in den Räumen, jetzt begrenzt sie die Zahl sicherheitshalber auf drei bis fünf. Hinzu kommen Online-Kurse, die nicht erst seit dem Ausbruch der Pandemie, sondern von Anfang an zum Konzept gehörten.

Als freiberufliche Synchronsprecherin bekommt Katharina Koschny nun deutlich weniger Aufträge. Denn sie vertont vor allem Kinofilme, die im Lockdown nicht in deutschen Filmtheatern laufen können. Normalerweise produziert sie außerdem Audioguides für Museen. Doch auch diese sind derzeit großenteils geschlossen.

Ihr Partner Rudy Redl gehört zur Berliner Improvisationstheatertruppe Die Gorillas, komponiert Filmmusiken und Songs für Katharina Koschny. Beide arbeiten gerade an einer neuen CD und gehören zusätzlich der Blueprint Band-Berlin an – er als Pianist und sie als Sängerin.

All dies nehme so viel Zeit in Anspruch, dass „wir fast gar nicht verreisen“, erzählen Koschny und Redl. Mit der Arbeit „werden wir nicht reich“, auch weil sie einen großen Teil ihrer Einnahmen in den Kauf neuer Studiotechnik investieren. In der Coronakrise „leben wir von Erspartem“. Ein Jahr lang könnten sie noch finanziell durchhalten, spätestens dann müsse es endlich wieder aufwärts gehen.

Obwohl Katharina Koschny in vielen synchronisierten Filmen und Fernsehserien zu hören ist und ihre Stimme zum Beispiel Charlotte Rampling, Patricia Clarkson und Nathalie Baye geliehen hat, gibt es keine internationalen Schauspielerinnen, mit denen man sie regelmäßig in Verbindung bringen würde. Die 67-jährige Berlinerin war lange für Theater und Radiosender tätig. Erst mit Ende 30 wurde sie Synchronsprecherin. Deshalb „habe ich keinen Star“ – anders als ihre Tochter Maria, die den gleichen Beruf ausübt und schon als Achtjährige vor Mikrofonen saß.

Ihre Schauspielausbildung absolvierte Katharina Koschny im renommierten Studio Langhanke in Zehlendorf. Anschließend stand sie acht Jahre lang im Züricher Theater 58 auf der Bühne. Als Nachrichtensprecherin arbeitete sie danach unter anderem beim RIAS in Berlin und nach dessen Abschaltung für den Auslandsfernsehsender DW-TV der Deutschen Welle. Hin und wieder spielte sie Rollen in deutschen TV-Serien. Zuletzt produzierten sie und Rudy Redl eigene Kurzfilme und erhielten dafür „ehrenvolle Erwähnungen“ beim Berlin Flash Film Festival.

An ihrem Wilmersdorfer Kiez schätzt Katharina Koschny die zentrale Lage in der City West und die „internationale Atmosphäre“ dank vieler Hotels. Gerne geht sie in Kinos. Weil das derzeit nicht möglich ist, entschieden sie und ihr Lebensgefährte sich zuletzt für „Binge Watching“ in den eigenen vier Wänden und schauten sich ganze Serien von Streamingdiensten an einem Stück an.

  • Foto: Sven Darmer / DAVIDS
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