Nachbarschaft

Veröffentlicht am 12.11.2021 von Cay Dobberke

Sie hat einst Willy Brandt porträtiert, mit dem Dalai Lama gesprochen und Künstler wie den Schauspieler Klaus Maria Brandauer oder den Theaterregisseur Claus Peymann vorgestellt. Die Fernsehjournalistin Johanna Schickentanz arbeitete vor allem für das ZDF, die ARD, Arte, 3Sat und Deutsche Welle TV. Allein für die ZDF-Interviewreihe „Abgeschminkt“ im ZDF gestaltete sie 132 Folgen in zwölf Jahren. Inzwischen stehen bei ihr nicht mehr Prominente, sondern Privatleute im Fokus.

Dabei geht es um keine Fernsehsendungen. Die biografischen Videos entstehen unter Ausschluss der Öffentlichkeit für die jeweiligen Auftraggeber und ihre Familien. „Jedes Leben ist einzigartig und spannend“, lautet ein Motto von Johanna Schickentanz. Wichtig sei es, immer wieder nachzufragen. Manchmal gebe es dann „neue Erkenntnisse“, an die sich ihre Gesprächspartner:innen zuvor kaum noch erinnert hätten.

Immer wieder erlebt die Autorin aber auch, dass Menschen verändert wirken, wenn sie gefilmt werden. „Mein Bestreben ist es, sie die Kamera vergessen zu lassen.“ Bereits 2002 gründete Johanna Schickentanz ihre Produktionsfirma „Eurokultur TV“. Seit rund zehn Jahren arbeitet sie mit einem professionellen Kamerateam zusammen. Im eigenen Schneideraum lässt sie die Aufnahmen später von einem Cutter bearbeiten.

Die Preise richten sich nach dem Aufwand. Als billigere Alternative zu einem Drehtag mit dem ganzen Team bietet Schickentanz an, einfach nur ein Smartphone als Kamera auf ein Stativ zu montieren.

Ein typischer Anlass für Aufträge sind Geburtstage. Zum Teil veranlassen die Jubilare selbst die Videoproduktion, um aus ihrem Leben zu erzählen. In anderen Fällen handelt es sich um ein Geschenk der Familie. Mitunter „legen drei Kinder zusammen“, um sich ein Video über den Vater oder die Mutter leisten zu können, sagt Schickentanz. Darüber hinaus macht sie auch Unternehmensporträts. Meistens handelt es sich um Familienbetriebe, deren Gründer:innen auf die Firmengeschichte zurückblicken wollen.

Ihre Fernsehkarriere stellt sie auf der Webseite johannaschickentanz.de vor, ihre Angebote für Privatpersonen stehen unter meine-filmbiografie.de  Sie stammt aus der Nähe von Münster in Westfalen, studierte Amerikanistik, Geschichte und Soziologie in München und wurde beim ZDF in Mainz und Berlin zur Fernsehjournalistin ausgebildet. Vor rund 30 Jahren zog Johanna Schickentanz dauerhaft nach Berlin um. Hier arbeitete und wohnte sie zuerst in der Wilmersdorfer Ludwigkirchstraße.

Rückblickend sagt sie, dort habe es ihr wegen der schönen Altbauten „besser gefallen“ als ihren jetzigen Räumen, die zu einem neueren Gebäudekomplex am Halenseer Teil des Kurfürstendamms gehören. Noch immer besucht Schickentanz in ihrem früheren Kiez gern das Literaturhaus Berlin an der Fasanenstraße, wo wir unser Gespräch mit ihr geführt haben.

Aber auch der Wohnlage am Ku’damm kann sie einiges abgewinnen – weil ihre Zimmer an einem „ruhigen Innenhof“ und nicht vorne am verkehrsreichen Boulevard liegen. Dass es in dem Hof einen Spielplatz gibt, stört sie nicht. Vielmehr freut sie sich darüber, dass Kinder viel lachen und kaum streiten.

Schickentanz empfiehlt das Feinkostgeschäft Tre-Terre in der Joachim-Friedrich-Straße, das auch einen Mittagstisch und „Fisch to go“ anbiete, und spaziert oft durch den Lietzenseepark, weil „ich den Blick aufs Wasser brauche“. Häufig besucht sie die nahe Schaubühne am Lehniner Platz, zu der sie eine besondere Beziehung hat. Denn dort interviewte sie den Intendanten Thomas Ostermeier und im Laufe der Jahre auch einige der Schauspieler:innen, darunter beispielsweise Lars Eidinger.

In einem aktuellen Projekt für das ZDF will Johanna Schickentanz an ihre Reihe „Abgeschminkt“ anknüpfen und der Frage nachgehen, was aus Eidinger und anderen Leuten in der Zwischenzeit geworden ist.

  • Foto: Cay Dobberke
  • Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter:  cay.dobberke@tagesspiegel.de