Nachbarschaft

Veröffentlicht am 26.11.2021 von Cay Dobberke

Als Ruthild Spangenberg (links im Bild) einst für ihren Bücherbogen am Savignyplatz die Räume einer Kfz-Werkstatt und Fahrschule übernahm, traf sie ihren früheren Fahrlehrer wieder. „Wenn das schlecht läuft, müssen Sie Taxi fahren“, unkte dieser. Doch die vor allem auf Architektur und Kunst spezialisierte Buchhandlung wurde ein Erfolg und über Charlottenburg hinaus bekannt. Die Eröffnung liegt nun schon 41 Jahre zurück – und am 30. November feiert die Gründerin ihren 80. Geburtstag.

Wegen der Coronakrise gibt es aber noch keine Party. Ruthild Spangenberg will nur mit ihrer Tochter Wanda, die das Geschäft seit einigen Jahren führt, sowie dem zehnköpfigen Team und vielleicht ein paar Kund:innen anstoßen. Erst im kommenden Jahr soll es ein Fest geben, falls die Entwicklung der Pandemie dies zulässt. Der Chefin geht es nicht allein im ihren Geburtstag. Sie möchte auch das 40. Firmenjubiläum nachfeiern. „Mein Traum ist ein großes Essen draußen mit Tischen entlang der Schaufenster.“

Sie lasse ihre Arbeit „langsam ausklingen“, sagt Ruthild Spangenberg. Etwa zwei bis drei Mal pro Woche laufe sie aus ihrer nahen Wohnung in die Buchhandlung, um dort ein paar Stunden lang tätig zu sein. Ihre Tochter Wanda präzisiert dagegen: „Du kommst doch fast täglich einmal herein, um zu gucken, ob alles in Ordnung ist.“

In den alten S-Bahnbögen, nach denen der Bücherbogen benannt ist, expandierte das Geschäft im Laufe der Zeit. Die Fläche des vorherigen Kfz-Betriebs wurde um Räume einer Blumenhandlung erweitert, sodass die Buchhandlung heute vier der Bögen einnimmt. Auch das Sortiment ist gewachsen. Außer Architektur- und Kunstbüchern gibt es Gedrucktes aus den Bereichen Foto und Grafik, Design, Film und Bühne, Tanz, Kostüm, Mode und Textil, Internationales sowie ein Modernes Antiquariat.

Einen kleinen Schwerpunkt bildet Berlin-Literatur. Sogar Kochbücher gehören inzwischen zum Angebot. Reine Unterhaltungslektüre fehlt in den Regalen. Trotzdem kann man im Bücherbogen auch Romane und vieles andere bestellen. In dieser Hinsicht „sind wir eine normale Buchhandlung“, sagt Ruthild Spangenberg.

Zahlreiche Veranstaltungen tragen zum guten Ruf des Ladens bei. Beispielsweise steht am Mittwoch, dem 1. Dezember, um 17 Uhr eine Signierstunde mit Horst Bredekamp bevor. Er signiert sein neues Buch über Michelangelo. Der Eintritt ist wie immer frei. Wanda Spangenberg, die den Veranstaltungsbetrieb organisiert, verzichtet auf reine Lesungen. Das Publikum solle mit den Autor:innen immer auch reden und diskutieren können, betont sie.

Auch zu aktuellen architektonischen und kulturellen Themen gibt es Gesprächsabende. Beispielsweise wurde im Bücherbogen zwei Mal über die Zukunft der historischen Kant-Garagen in der Kantstraße beraten und gestritten. Zurzeit saniert und modernisiert ein Immobilienunternehmer das Baudenkmal für neue Nutzungen.

Zur Kundschaft gehören Architekturbüros, Universitätsbibliotheken, Studierende, Touristen und natürlich Berliner, die sich privat für eines der Fachgebiete interessieren. Die Pandemie hat den Umsatz geschmälert. Als Service in der Krise bietet der Bücherbogen einen Lieferdienst an. Innerhalb Berlins werden die Bücher in der Regel per Fahrrad zu den Besteller:innen gebracht.

Während der Corona-Lockdowns durften Berliner Buchhandlungen geöffnet bleiben. Nun werden sie auch von der neuen 2G-Regel im Einzelhandel ausgenommen. Dafür seien sie Kultursenator Klaus Lederer (Linke) dankbar, sagen Ruthild und Wanda Spangenberg.

Insgesamt aber werde „der Buchhändlerberuf zuwenig respektiert“, findet die Senior-Chefin. Der Einsatz und der Verdienst stünden oft nicht im richtigen Verhältnis. Ruthild Spangenberg ist stolz darauf, dass bei ihr unter anderem Fachleute für Film und Kunst arbeiten – und das zum Teil seit Jahrzehnten.

Sie selbst wurde im Landkreis Deutsch Krone geboren, der früher zu Pommern gehörte und im heutigen Polen liegt. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs flüchteten die Eltern mit ihr nach Eckernförde nahe Kiel. Dort machte Ruthild Spangenberg später ihre Buchhandelslehre. Mitte der 1960-er Jahre zog sie nach Berlin um und arbeitete in drei Charlottenburger Buchläden, bis sie sich selbstständig machte. Den Bücherbogen gestaltete ihr damaliger Mann Gerhard Spangenberg, der Architekt ist.

Mit anderen unabhängigen Buchgeschäften rund um den Savignyplatz pflegt der Bücherbogen eine Zusammenarbeit. Kooperationspartner sind die benachbarte Autorenbuchhandlung Berlin im Else-Ury-Bogen, die Marga Schoeller Bücherstube in der Knesebeckstraße und die Reisebuchhandlung Schropp, mit der Regine Kiepert soeben aus der Hardenberg- in die Knesebeckstraße umgezogen ist. Bei Kiepert habe sie ihre eigene Ausbildung absolviert, sagt Wanda Spangenberg.

Wenn im Bücherbogen nach einem Buch gefragt wird, das gerade nicht erhältlich ist, folgt ein Telefonanruf in einem der anderen drei Läden. Darüber hinaus laden die Geschäfte gemeinsam zur Sonderöffnung am zweiten Adventssonntag ein. Am 5. Dezember von 13 bis 18 Uhr gibt es an den verschiedenen Standorten unter anderem eine Kinderbuchlesung, Musik, Glühwein, Gebäck und eine Ausstellung.

  • Foto: Cay Dobberke
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