Nachbarschaft

Veröffentlicht am 07.01.2022 von Cay Dobberke

Die Idee zu ihrem Begleitdienst kam der damaligen Altenpflegerin Sabine Lizarraga vor ein paar Jahren in der Adventszeit, als eine hochbetagte Frau im Auto zu ihrem Sohn gefahren werden wollte – und auf dem Rückweg um einen Abstecher zum weihnachtlich beleuchteten Kurfürstendamm bat. Die Seniorin war so begeistert vom gemeinsamen Erlebnis des Lichterglanzes, dass Lizarraga ein Potenzial erkannte.

Also gründete sie die Agentur Bon Compagnon und empfiehlt diese der Kundschaft als „freundschaftlichen Begleitservice im goldenen Drittel Ihres Lebens“. Das Wort „Senioren“ meidet die Unternehmerin, auch weil es nicht für ihre ganze Zielgruppe treffend wäre. Sie möchte Menschen im Alter ab etwa 50 Jahren ansprechen. Als wichtigste Punkte nennt sie: „Ich fange die Einsamkeit der Leute ab.“ Und: „Es soll etwas Besonderes sein.“

Eigentlich wollte sie schon 2020 loslegen. Doch wegen der Corona-Pandemie hielt Sabine Lizarraga den richtigen Zeitpunkt erst im vergangenen September für gekommen. Acht freiberufliche Mitarbeiter:innen und sie selbst stehen für Begleitdienste zur Verfügung, die einen kulturellen Schwerpunkt haben.

Aktuell gehören Tagesausflüge nach Potsdam und zum Schloss Rheinsberg zum Angebot für vier Personen. Bei den meisten Ausflügen wählen Interessierte selbst das Ziel. Typisch sind Museums- und Theaterbesuche mit anschließendem Essen und einer Unterhaltung in einem Restaurant.

Noch ist der Kundenkreis klein. Sabine Lizarraga kann die Teilnehmer:innen an einer Hand abzählen, wertet es aber als Erfolg, dass diese regelmäßig mitmachen.

In diesem Jahr möchte sie durchstarten. Dafür verteilt sie Flyer, wirbt in sozialen Online-Medien und hat mit Concierges mehrerer Hotels gesprochen, um Touristen zu erreichen.

Ihr Personal fand die Unternehmerin durch viele private und geschäftliche Kontakte. Zum Team gehören beispielsweise eine kunstbegeisterte Hobbymalerin aus Italien, aber auch der als Drag Queen Mataina bekannte Berliner Martin Awisus. Zusätzlich möchte Lizarraga bald Fernreisen zu zweit anbieten.

In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis werde Bon Compagnon gerne als „Escort-Service ohne Sex“ bezeichnet, erzählt sie. Eine herkömmliche „Altersbegleitung“ mit Arztbesuchen oder Einkäufen plant sie nicht.

Trotz ihres spanischen Nachnamens, den sie ihrem Ehemann verdankt, ist Sabine Lizarraga eine waschechte Berlinerin. Sie wuchs in Wilmersdorf nahe dem Ludwigkirchplatz auf. Später lebte sie 24 Jahre lang in Hessen und in einem Dorf im Schwarzwald. Dann packte sie das Heimweh.

Seit 2010 wohnt die 61-Jährige im Kiez zwischen dem Schloss Charlottenburg und dem Kaiserdamm. Sie schwärmt vom „sehr netten Miteinander“, Restaurants wie dem „Bootshaus Stella“ am Lietzensee und den kurzen Wegen. Alles Wichtige sei zu Fuß erreichbar.

  • Foto: Cay Dobberke
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