Nachbarschaft
Veröffentlicht am 28.01.2022 von Cay Dobberke
Es lag an Bernhard Grzimek, dass Heidrun Grüttner sich früh für den Naturschutz zu interessieren begann. Schon als Kind „habe ich alle seine Bücher und Filme verschlungen“, erzählt sie. Um der von Grzimek geführten Zoologischen Gesellschaft Frankfurt beizutreten, schrieb Grüttner dem berühmten Tierfilmer und -schützer. Dieser riet ihr aber, sich auf der lokalen Ebene zu engagieren. Also trat sie einem Verein bei, der Feuchtgebiete im Grunewald pflegte. Jetzt ist Heidrun Grüttner wieder dort aktiv: Ab dem kommenden April leitet sie das Naturschutzzentrum Ökowerk Berlin am Teufelssee.
Zuletzt war sie 24 Jahre lang die Vize-Geschäftsführerin der öffentlich-rechtlichen Stiftung Naturschutz Berlin. Es gab immer schon enge Kontakte zwischen dem Ökowerk und der Stiftung, die zu den Gründungsmitgliedern des Naturschutzzentrums zählte. Es nutzt seit 1985 das älteste erhaltene Berliner Wasserwerk, das 1872 bis 1873 entstanden und bis 1969 in Betrieb war.
Den Anblick des Baudenkmals kennt Heidrun Grüttner noch aus ihrer Jugend. Denn zum Baden kam sie oft aus Friedenau, wo sie 1965 geboren wurde, an den Teufelssee. Später studierte sie Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Umweltpolitik an der Freien Universität Berlin und schloss mit einem Diplom ab.
Die bisherige Ökowerk-Geschäftsführerin Christine Kehl geht Ende März in den Ruhestand. Heidrun Grüttner ist schon seit dem vergangenen Oktober an ihrer neuen Arbeitsstelle tätig, um sich einzuarbeiten. Sie sieht sich vor einer besonderen Herausforderung: Im Sommer soll eine energetische Gebäudesanierung beginnen, die voraussichtlich bis Ende 2023 dauert.
Verwaltungsbüros, in denen es während der Sommermonate oft fast unerträglich heiß wird, erhalten neue Dämmungen. Wichtiger noch ist der Umbau von drei Filterhallen des Wasserwerks. Sie werden bereits für die Umweltbildungsarbeit genutzt. Als Ziel nennt Grüttner, daraus ein Tagungszentrum zu machen. Auch eine Küche sei geplant. Darin könne es beispielsweise Kurse zum „Klimakochen“ geben, bei dem einheimische Zutaten genutzt werden.
Eine Eisspeicherheizung soll den Energieverbrauch des Ökowerks senken. Außerdem gehören neue und barrierefreie Toiletten zum Sanierungskonzept. Federführend sind die Berliner Forsten, denen das alte Wasserwerk gehört. Das Naturschutzzentrum hat es gepachtet. Finanziert werden die Arbeiten aus zwei Förderprogrammen des Bundes und der Europäischen Union.
Heidrun Grüttner hat noch mehr vor. Das alte Gemäuer mit den erhaltenen historischen Maschinen sei ein „toller, magischer Ort“, findet sie und möchte in Zukunft mehr „technikaffine“ Menschen anlocken. „Wir sind ja auch ein Industriedenkmal.“ Außerdem will sie die seit 2004 bestehende Ausstellung „Wasserleben“ umgestalten. „Dafür brauche ich noch Geld.“
Grundsätzlich finanziert sich das Ökowerk etwa zur Hälfte aus Zuschüssen des Landes Berlin. Die übrigen Einnahmen stammen aus Eintrittspreisen bei Veranstaltungen, Beiträgen der etwa 900 Vereinsmitglieder, Spenden und der Vermietung von Räumen.
Zum Angebot gehören Kindergeburtstagsfeiern, die seit dem Beginn der Corona-Pandemie alle draußen stattfinden. Das Naturschutzzentrum organisiert eine Betreuung, damit die Kinder auch etwas über die Natur erfahren. „Dafür suchen wir immer Referent:innen“, sagt Heidrun Grüttner. Nur Essen muss mitgebracht werden.
Viele der Helfer sind ehrenamtlich tätig. Hinzu kommen ein Dutzend Angestellte, von denen aber nur zwei eine Vollzeitstelle haben. Die diesjährige Winterschließzeit endet am 30. Januar. Danach gibt es wieder Führungen über das Gelände, auf dem einmal rund 1000 Tierarten gezählt wurden, „Entdeckertouren“ mit GPS-Geräten, Spaziergänge im Grunewald, Survival-Training für Kinder und diverse Kurse. Dabei reicht das Spektrum vom Nistkastenbau und der Imkerei bis zu Lesungen und dem Färben mit Pflanzen.
Die Lage mitten im Wald bezeichnet Grüttner als „größten Vorteil, aber auch als Nachteil“. In der Teufelsseechaussee fahren keine BVG-Busse. Sie ist außerdem als Fahrradstraße ausgewiesen. Motorisierter Verkehr ist eigentlich nur Anliegern erlaubt (was zahlreiche Autofahrer:innen allerdings ignorieren). Viele Besucherinnen und Besucher kommen mit dem Fahrrad. Andere steigen an den S-Bahnhöfen Grunewald oder Heerstraße aus und laufen durch den Wald. Schulklassen würden dabei oft unruhig, hat Grüttner beobachtet. Speziell für Schülerinnen und Schüler wünscht sie sich eine „bessere Anbindung“.
Sie selbst wohnt in Tempelhof und fährt entweder mit dem Rad zum Ökowerk oder nimmt in der S-Bahn einen Tretroller mit, auf den sie dann umsteigt. Es handelt sich tatsächlich um einen Tretroller ohne Elektromotor, der trotzdem sehr modern wirkt. Ihr Mann ist Jurist, ehrenamtlich will er bald als Referent im Naturschutzzentrum mitmachen. Oft zieht es beide in die Uckermark, die für Heidrun Grüttner zu einer Art zweiten Heimat geworden ist.
Nebenbei hat sie vier Romane geschrieben. Zwei davon sind Umweltkrimis und spielen in der Uckermark – ebenso wie eine als „Regionalroman“ bezeichnete heitere Erzählung.
Backen ist ein weiteres Hobby der Umweltexpertin. Sie besitzt sogar einen Gesellenbrief. Denn vor ihrem Studium wollte Heidrun Grüttner noch etwas Praktisches machen. In Schöneberg absolvierte sie eine Lehre in einer Vollkornbäckerei. Die Arbeit war hart, sie musste früh aufstehen und schwere Säcke schleppen. Aber die Freude an dem Handwerk blieb. Bis heute backt Grüttner ihr Brot selbst. Und auch einigen Mitarbeiter:innen und Gästen des Naturschutzzentrums werden ihren Fähigkeiten wohl zugute kommen, etwa in Form von leckerem Kuchen.
- Foto: Sven Darmer
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