Nachbarschaft
Veröffentlicht am 15.07.2022 von Cay Dobberke
Wie wichtig Sprachkenntnisse sind, weiß Sawsan Chebli aus eigener Erfahrung. Sie wuchs in Moabit als Tochter palästinensischer Flüchtlinge auf. Der verstorbene Vater war Analphabet, und die Mutter versteht fast nur Arabisch. Erst im Alter von sechs Jahren begann Chebli, richtig Deutsch zu lernen, um „mit anderen Kindern spielen zu können“. Außerdem war es natürlich auch für die Schule notwendig.
Vor rund eineinhalb Jahren hat Sawsan Chebli zusammen mit Matthias Bräutigam den Verein Sprachpat*innen für Kita-Kinder ins Leben gerufen. Bekannt wurde sie ab 2014 als Vize-Sprecherin des Auswärtigen Amts und von 2016 bis 2021 als Berliner Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales. Bräutigam hat in der Arzneiforschung gearbeitet.
Beide kennen sich aus der SPD, wo sie der Abteilung Ku’damm angehören. Von dort stammten auch die ersten weiteren Mitglieder des Vereins. Trotzdem ist dieser politisch unabhängig. Seine Aufgabe ist die Koordination und Organisation. Das bedeutet auch, dass die Mitglieder in der Regel nicht selbst Sprachpat:innen sind.
Vermittelt werden ehrenamtliche Helfende, die Kindern aus bildungsfernen und einkommensschwachen Familien dabei unterstützen wollen, in der Kita die deutsche Sprache zu erlernen. Dabei geht es oft, aber nicht nur, um Jungen und Mädchen mit Migrationshintergrund.
Inzwischen sind fast 20 Sprachpat:innen in acht Berliner Kindertagesstätten tätig, von denen sechs in Charlottenburg-Wilmersdorf liegen. Weitere Freiwillige werden vor allem für Charlottenburg-Nord gesucht, das als soziale Brennpunktregion gilt. Interessierte können sich per E-Mail an kontakt@sprachpat-innen.berlin oder unter Tel. 0175 5755 291 melden.
Die Patenschaften erinnern etwas an das Projekt Berliner Lesepaten, das der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) bereits im Jahr 2005 gegründet hatte. Dort engagierte sich auch Matthias Bräutigam acht Jahre lang, indem er Bücher gemeinsam mit Schülerinnen und Schüler las. Er und Sawsan Chebli betonen aber, dass ihr Verein in einigen Punkten anders vorgehe. „Eine frühe Förderung ist am wirksamsten“, finden beide und bevorzugen deshalb eine Betreuung vor der Schulzeit.
Wie wird man Sprachpat:in und was ist dann zu tun? Ehrenamtliche müssen logischerweise die deutsche Sprache gut beherrschen, aber keine Fachleute oder Pädagog:innen sein. Als Voraussetzungen nennen Chebli und Bräutigam den Spaß daran, mit Kindern zusammenzuarbeiten, sowie „Ausdauer und Geduld“. Ob jemand geeignet scheint, wird in persönlichen Interviews geklärt.
Der Zeitaufwand beträgt typischerweise ein oder zwei halbe Tage pro Woche. In jeder beteiligten Kita sind drei bis vier Sprachpat:innen im Einsatz, um eine regelmäßige Betreuung bedürftiger Kinder zu gewährleisten. Diese werden von der jeweiligen Kita-Leitung in Absprache mit den Eltern ausgewählt.
Den Ehrenamtlichen wird „alltagsbegleitende“ Sprachvermittlung empfohlen. Nach dem Motto „Was machen wir gerade?“ erklären sie, wie sich ein Spiel oder eine andere Tätigkeit in Worte fassen lässt. Man könne also durchaus auch von „Spielpat:innen“ sprechen, sagt Sawsan Chebli. Bräutigam sagt, die Methode ähnele der Erziehung durch Eltern.
Der Verein lobt auch eine Idee der Fröbel-Kindergärten. Erwachsene lesen Kindern mit Migrationshintergrund zuerst aus zweisprachigen Bilderbüchern auf Deutsch vor. Später sollen die Jungen und Mädchen ihren Eltern dasselbe zu Hause in ihrer Muttersprache vortragen.
Von „sehr guten Erfahrungen“ mit den Patenschaften berichtet die Leiterin einer Charlottenburger Kita. Besonders gut gefällt ihr, dass es sich um ein Mehrgenerationenprojekt handele. Kinder, Ehrenamtliche und pädagogische Fachkräfte „können voneinander lernen und profitieren“.
Fast jedes fünfte Berliner Kita-Kind erhalte „keine hinreichende Unterstützung beim Erwerb der deutschen Sprache und dem damit verbundenen Allgemeinwissen“, beklagen Chebli und Bräutigam. Angesichts dessen kritisieren sie die Ankündigung der Bundesregierung, das deutschlandweite Programm „Sprach-Kitas“ zu beenden und damit jährlich 210 Millionen Euro einzusparen. Allein in Berlin profitierten seit 2016 rund 300 Kitas.
Auch Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) nennt die Entscheidung „enttäuschend und nicht nachvollziehbar“. Ähnlich sieht es der Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin, Stefan Spieker. „Insbesondere Kinder aus Familien mit Migrationsgeschichte“ würden ab 2023 „grundsätzlich schlechter gestellt“. Ungleiche Bildungschancen und schlechtere Berufsperspektiven würden „zementiert“, was den Interessen der Wirtschaft widerspreche.
Auf längere Sicht strebt der Verein um Chebli und Bräutigam an, dass Rentnerinnen und Rentner, die sich für die Sprachförderung in Kitas engagieren, auch als Teilzeitkräfte bezahlt werden können. Doch dafür fehlt bisher das Geld. Vielerorts gebe es ja nicht einmal genug Pädagog:innen, sagt Sawsan Chebli. – Foto: Cay Dobberke
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