Nachbarschaft

Veröffentlicht am 28.10.2022 von Cay Dobberke

Rosafarbenes Wasser tropft von der Decke einer Wohnung in Wilmersdorf. Der Strom ist ausgefallen, weil das Wasser zu einem Kurzschluss geführt hat. Die Mieterin alarmiert die Hausverwaltung, aber niemand hat Schlüssel für die Wohnung darüber, in der es scheinbar einen Rohrbruch gegeben hat. Erst als zwei Tage später eine Putzhilfe mit ihrem Schlüssel die Tür öffnet, wird klar, dass oben ein brutaler Mord stattgefunden hat. Der Bewohner liegt erstochen in der Badewanne. Das herauslaufende Wasser ist durch sein Blut gefärbt.

Die Autorin Anita Rehm aus Wilmersdorf hat ihren neuen Roman „Rosa Wasser“ an einen wahren Mordfall angelehnt – aber sich beim Schreiben auch künstlerische Freiheiten genommen. Orte und Namen im Buch wurden geändert, nicht zuletzt, um rechtlichen Problemen mit der Verwandtschaft des Opfers zu vorzubeugen. Aber bei der Lektüre wird trotzdem deutlich, um wen es geht.

Das Buch schildert den Lebenslauf eines Homosexuellen, der als 20-Jähriger nach Konflikten mit den Eltern „seiner katholischen Geburtsstadt und den frömmelnden Bewohnern den Rücken kehrt“. Er zieht nach Berlin und „stürzt sich voll in die quirlige homosexuelle Szene rund um den Nollendorfplatz“, wie Anita Rehm einen Teil der Handlung zusammenfasst. In einem bekannten Travestietheater arbeitet der junge Mann als Kellner, später gründet er mit seinem Lebensgefährten eine Bar.

Als sich beide nach zehn Jahren trennen, gründet Tom Kaiser – so sein Name im Buch – den eigenen Nachtclub „Primero“ in Wilmersdorf.

Spätestens an dieser Stelle dürften viele Leserinnen und Leser ahnen, dass damit der frühere Club „First“ an der Joachimsthaler Straße gemeint ist. Dessen Betreiber wurde 2013 im Alter von 59 Jahren von zwei Männern zu Hause umgebracht. In einem Prozess kam heraus, dass einer von ihnen ein Drogendealer und Sexpartner des Opfers war. Ein Gericht verurteilte die Täter wegen Raubmords zu lebenslanger Haft. Im Buch erwähnt Anita Rehm auch, wie Medien daraus einen spektakulären Fall machten.

Woher weiß sie so viel über den Nachtclubbesitzer? Im Gespräch verrät die Autorin, dass „wir uns 37 Jahre lang kannten“. Er war ihr Hausnachbar. Außerdem ging Anita Rehm früher oft selbst mit Homosexuellen aus, nachdem sie 1972 aus Mainz nach Berlin gezogen war. Zur LGBTIQ-Community zählt sie sich allerdings nicht. Dem Buch merkt man an, dass die 75-Jährige lange als Journalistin für das ZDF gearbeitet hat. Ihr Werk ist kein Krimi, sondern mehr ein Tatsachenroman.

Ähnlich war es vor neun Jahren, als Rehm ihr erstes Buch „Entführt“ veröffentlichte. Es handelt von einer Kindesentführung, die sich Ende 1945 in Mainz ereignet hatte und deutschlandweit bekannt geworden war. Daran erinnerte Rehm zuerst in einem journalistischen Beitrag. Dann riet ihr ein Bekannter, den Fall literarisch aufzuarbeiten.

Für ihren zweiten Roman fand sie den Verlag „Himmelstürmer“, der seit mehr als 20 Jahren auf „schwule Literatur aus allen Genres“ spezialisiert ist. Anita Rehm verkaufte einige Exemplare bisher vor allem bei Lesungen und in ihrem Bekanntenkreis. Dagegen habe eine Zeitschrift für Homosexuelle nicht auf ihre Bitte um eine Rezension oder ein Interview reagiert, erzählt sie enttäuscht.

Ihr nächstes Buch kommt im November heraus. Darin porträtiert sie zwölf Berliner Künstlerinnen und Künstler, die aus anderen Ländern stammen – zum Beispiel den Deutsch-Iraner Kani Alavi, der als Mitgründer der „East Side Gallery“ an der früheren Berliner Mauer bekannt wurde.

Auch Kurzgeschichten möchte Anita Rehm künftig verfassen. Das Schreiben ist für sie „Spaß und eine Herausforderung“. Dabei staunt sie „über die Fantasie, die ich entwickelt habe“. Ihr anderes großes Hobby ist Schwimmen. Außerdem sang Rehm früher im Tagesspiegel-Chor. In ihrem Kiez besucht sie gerne das Restaurant Kuchel Eck am Ludwigkirchplatz.

  • Anita Rehm: Rosa Wasser. Himmelstürmer Verlag, ISBN 978-3-86361-975-6. Preis: 13,90 Euro als Taschenbuch oder 9,90 Euro als E-Book.
  • Foto: Cay Dobberke, Coverbild: promo
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