Nachbarschaft
Veröffentlicht am 03.03.2023 von Cay Dobberke
Es begann mit Balkonmusik: Als die Coronavirus-Pandemie vor drei Jahren zum ersten Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen führte, spielte der Hobbymusiker Klaus-Peter Otto mit seinem Akkordeon draußen für die Wilmersdorfer Nachbarschaft. Und die Klänge vom Balkon seiner Wohnung an der Bayerischen Straße 21 gefielen einigen Leuten so gut, dass sie unten auf dem Gehweg wenig später eine Gesangsgruppe gründeten. Otto spielt dabei weiterhin Akkordeon.
Jeden Montag um 19 Uhr treffen sich die Sängerinnen und Sänger am selben Ort. Anmeldungen sind nicht nötig. „Jeder kann einfach vorbeikommen“, sagt eine beteiligte Wilmersdorferin. Den „ganz harten Kern“ schätzt sie auf ein Dutzend Personen. Die Tendenz ist leicht steigend; am vergangenen Montag versammelten sich 20 Menschen. Sie singen stets sieben Lieder – und immer zum Abschluss „Der Mond ist aufgegangen“. Denn dieses Volkslied war das erste im Repertoire. Die evangelische Kirche in Deutschland hatte es im Frühjahr 2020 für Balkonmusik empfohlen.
Unser Foto zeigt Klaus-Peter Otto in der Mitte und seine Frau Doris rechts. Dahinter steht Susanne Beutert, die zu den jüngsten Teilnehmenden gehört. Soeben hat sie angeregt, auch mal das Geburtstagslied „Ständchen“ von den Wise Guys einzuüben. Meistens singt die ganze fünfköpfige Familie Beutert mit. Die einzige Profi-Musikerin unter den Beteiligten ist die ehemalige Musikpädagogin Gudrun Schmidt-Kärner (links im Bild).
Dagegen war Otto früher in der Pharmabranche tätig. Er spielt aber seit seiner Kindheit Akkordeon und gehörte lange einem Freizeit-Chor an. Heute, im Alter von über 80 Jahren, kann Otto wegen einer Erkrankung nicht mehr singen. Auch das Sprechen fällt ihm schwer. Doch er schafft es noch immer, auswendig auf dem Akkordeon zu spielen. Andere Nachbarn bringen manchmal eine Mundharmonika oder eine Geige mit.
Auf der Straße erklingen hauptsächlich deutsche Volkslieder. In dieser Woche gehörten dazu unter anderem „Die Gedanken sind frei“ und „Jeden Morgen geht die Sonne auf“. Auch englischsprachige Lieder wie der amerikanische Protestsong „We shall overcome“ werden gesungen, in der Adventszeit kamen Weihnachtslieder hinzu. Insgesamt könne man die Musik als „Folklore“ bezeichnen, heißt es. In der Regel wählt eine Anwohnerin die Lieder aus. Auch die anderen können Vorschläge machen. Einig sind sich alle darin, dass sie weder Pop, Rock noch Schlager anstimmen möchten.
Aus der Sangesgemeinschaft seien Freundschaften entstanden, erzählt Gudrun Schmidt-Kärner. „Der Gesang hat die Menschen zusammengeführt.“ Einige Beteiligte treffen sich nach der Straßenmusik regelmäßig zum Stammtisch im vietnamesischen Restaurant „Pho 56“ am Olivaer Platz. Einer gehbehinderten Frau aus ihren Reihen konnten die Nachbarinnen und Nachbarn sogar eine Wohnung vermitteln.
Auch aus anderen Ortsteilen von Charlottenburg-Wilmersdorf kommen inzwischen mehrere Frauen an die Bayerische Straße 21. Eine davon ist Susanne Pumpe aus Eichkamp. Dort „beneiden mich schon viele Leute“, sagt sie. Frauen bilden übrigens die Mehrheit in der Gesangsgruppe. Musikpädagogin Gudrun Schmidt-Kärner hat dafür eine einfache Erklärung: „Männer trauen sich oft nicht, zu singen.“
- Foto: Cay Dobberke
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