Nachbarschaft
Veröffentlicht am 21.04.2023 von Cay Dobberke

Er habe „immer schon gerne Leute zusammengebracht“, sagt Rainer Mohr. Seit rund vier Jahren veranstaltet er seine Konzertreihe Spätsünder im Charlottenburger Künstlerhof Alt-Lietzow. Unser Foto zeigt ihn mit der Gründerin des Künstlerhofs, Brigitte Arndt (die der Tagesspiegel auch schon einmal porträtiert hat). Beide sind seit Langem befreundet.
Seit Ende März bespielt Mohr wieder den Innenhof neben dem hinteren Teil des Rathauses Charlottenburg.
Bei sehr schlechtem Wetter oder im Winter finden die Konzerte im Saal Saitenflügel statt, den die Musikerin Michiko Lena Feuerlein vermietet und für ihre eigene Geigenakademie nutzt. Als „mein Markenzeichen“ hängt Mohr stets einen goldenen Vorhang an die Bühne. Sein Programm besteht aus den „Spätsünder Meisterkonzerten“ mit erfahrenen Musiker:innen sowie Auftritten von Amateuren oder Newcomern. Schwerpunkte sind südamerikanische Musik, Klassik und „Fingerstyle“ an der Gitarre.
Was bedeutet der Name der Konzertreihe? Mohr erklärt, er sei in einem rheinland-pfälzischen Dorf als Katholik aufgewachsen, aber später aus der Kirche ausgetreten. In seiner Jugend hätten Lachen und Kreativität oft als „Sünde“ gegolten. Jetzt könne er „endlich spät sündigen“ und sehe den Begriff sehr positiv, sagt der 64-Jährige.
Er selbst war nie Berufsmusiker, sondern studierte Pharmazie in Mainz. Als sein Professor 1984 eine Stelle in Berlin übernahm, zog Mohr mit um. Später arbeitete er unter anderem im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, heute ist er für den Deutschen Apotheker Verlag tätig.
Musik und Schauspiel interessierten ihn seit der Jugendzeit. Als Gitarrist spielte Mohr in einer Schülerband. In Berlin nahm er Schauspielunterricht und sang zuerst in einem Charlottenburger Amateur-Ensemble. Dieser „Lehrerchor“ habe sich allerdings immer nur in einer Wohnung getroffen und sei „nie aufgetreten“, bedauert er. Ein Musikdozent vermittelte ihm dann aber auch Gastspiele bei der Volkshochschule City West. Außerdem trat Mohr vor 22 Jahren einem Kreuzberger A-Capella-Chor bei.
Heute beteiligt sich Mohr gelegentlich als Sänger und Gitarrist an den Amateurkonzerten seiner Reihe. „Alleine könte ich aber keine Stunde füllen.“ Er freut sich besonders über den guten Ruf seiner Konzerte in der Gitarristenszene. Um Künstler und Künstlerinnen zu finden, „brauche ich nichts mehr zu machen“. Er erhalte reihenweise Anfragen aus ganz Deutschland und Nachbarstaaten wie Polen.
Finanziellen Gewinn macht der Veranstalter nicht. Häufig schieße er sogar Geld hinzu, berichtet Mohr. Jetzt will er einen Antrag auf Gelder aus der Berliner Kulturförderung stellen, aber zugleich „unabhängig bleiben“. Im Spätsünder e.V., der 2020 als gemeinnütziger Verein gegründet wurde, unterstützen ihn ein paar Gleichgesinnte. Zusätzlich hilft ein zehnköpfiges ehrenamtliches Team mit.
Bereits vor rund 20 Jahren hatte Mohr erstmals Konzerte im Künstlerhof organisiert. Als eine Remise nicht mehr dafür zur Verfügung stand, wich er zwischenzeitlich in andere Häuser aus – darunter das einstige Frauengefängnis Lichterfelde, das heute die Kulturstätte „The Knast“ ist.
Die Hofkonzerte waren ursprünglich eine Folge der Coronavirus-Pandemie. Denn in den Saal mit normalerweise etwa 60 Plätzen hätte Mohr wegen der Hygienevorschriften zu wenig Gäste einlassen dürfen. Draußen können ungefähr 200 Besucher und Besucherinnen teilnehmen. Nebenan steht außer dem Rathaus auch ein Wohngebäude. Laut Mohr ist das kein Problem: Über Lärm beziehungsweise zu laute Musik habe sich nie jemand beschwert.
- Beim nächsten „Spätsünder Meisterkonzert“ stellt der Gitarrist Sönke Meinen am 13. Mai ab 19.30 Uhr sein zweites Solo-Album „Spark“ vor.Tickets kosten 18, ermäßigt 15 Euro im Online-Vorverkauf unter spaetsuender.com oder 20 Euro an der Abendkasse. Wie immer bittet Mohr alle Interessierten darum, sich auf der Webseite anzumelden, damit er die Gästezahl einschätzen kann.
- Fotos: Cay Dobberke, Rainer Mohr
- Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge an cay.dobberke@tagesspiegel.de.