Nachbarschaft
Veröffentlicht am 27.10.2023 von Cay Dobberke
Geschäftlich läuft es eigentlich gut in der Charlottenburger „Goldschmiede Albert und Werner Omankowsky“ an der Schlüterstraße 54 in Charlottenburg. „Wir sind ein solides Unternehmen, das Gewinn schreibt“, sagt Sven Heinlein, der den Betrieb seit 1996 führt. Trotzdem wird der 104 Jahre alte Traditionsbetrieb am 2. Dezember schließen – weil Heinlein aus Altersgründen aufhören möchte und keinen Nachfolger findet.
Seine wöchentliche Arbeitszeit betrage inklusive der geschäftsführenden Tätigkeiten etwa 65 Stunden und strenge ihn zu sehr an, berichtet der 61-Jährige. Und er fragt sich: „Wer will eine solche Arbeitsbelastung haben?“ Heinlein sieht aber noch einen weiteren Grund dafür, dass niemand sein Geschäft übernehmen wollte. Anscheinend seien immer weniger Leute in seiner Branche dazu bereit, „Verantwortung zu übernehmen“.
Bereits vor vier Jahren hatte der Goldschmiedemeister die Suche nach einem Nachfolger (oder einer Nachfolgerin) gestartet, um mit 60 Jahren in den Ruhestand gehen zu können. Auf Anzeigen in der deutschlandweit erscheinenden „Goldschmiede Zeitung“ gab es jedoch keine Reaktionen. Aushänge in einem Großhandel für Materialien führten nur zu ein „paar Anrufen“.
Als Lehrlingswart gehört Heinlein bisher zum Vorstand der Gold- und Silberschmiede-Innung Berlin. Seine Absicht, das Geschäft zu verkaufen, machte er auch in der Innung publik. Daraufhin besuchten ihn ein paar Interessenten. Diese Zeit fiel allerdings mit dem Beginn der Coronavirus-Pandemie zusammen. Heinlein nimmt an, dass auch die Lockdowns und anderen Beschränkungen in der Krise die Interessierten abschreckten.

Um ihn müsse man sich keine Sorgen machen, sagt der Chef. Er sei für den Ruhestand finanziell abgesichert. „Leid tut es mir um meine acht Angestellten.“ Die meisten von ihnen seien schon in einem Alter „mit der Rente in Sichtweite“ (und seien auch deshalb nicht als Nachfolger:innen infrage gekommen). Nun müssten sie eine neue Beschäftigung suchen und womöglich den Beruf wechseln. Denn der Arbeitsmarkt in der Branche ist klein, die Berliner Innung verzeichnet auf ihrer Webseite nur 20 Goldschmieden.
Seine Probleme bei der Nachfolgesuche vergleicht Heinlein mit dem Niedergang von „Uhren Bischoff“ an der Pestalozzistraße. Diese „Fachwerkstatt für alte und antike Uhren“ schloss Anfang Oktober nach 43 Jahren. Der Gründer Friedrich Bischoff war 2019 gestorben. Seine zwei Töchter, die in anderen Berufen tätig sind, boten das Geschäft erfolglos zur Übernahme an (wir berichteten). Ein damaliger Unterstützer und gelegentlicher Mitarbeiter sagte, junge Leute strebten eher eine Anstellung statt einer Existenzgründung an. Das endgültige Aus für „Uhren Bischoff“ kam, als der Vermieter die Verträge aller Läden im Haus für eine Modernisierung kündigte.
Sven Heinlein weiß nicht, ob es schon einen neuen Mieter für die Räume seiner Goldschmiede gibt. Deren Rettung in letzter Minute schließt er aus: „Der Zug ist abgefahren.“ Benannt ist die Goldschmiede nach dem Gründer Albert Omankowsky und dessen Sohn Werner. Der ursprüngliche Standort lag nahe dem Roten Rathaus in Mitte. 1945 folgte der Umzug nach Charlottenburg. Ein späterer Werkstattleiter stellte Sven Heinlein vor rund 40 Jahren an und übergab ihm den Betrieb schließlich.
Als noch ungelöstes logistisches Problem nennt der Chef den vier Tonnen schweren Tresor. Bei der Geschäftsaufgabe im Dezember werde der Abtransport nur mit erheblichem Aufwand möglich sein.
- Fotos: Cay Dobberke
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