Intro
von Nele Jensch
Veröffentlicht am 22.02.2018
Während in Xhain und Lichtenberg um einen Fahrradstreifen gestritten wird (siehe Namen & Neues), machen viele Autofahrer*innen auf den Straßen so mehr oder weniger, was sie wollen: Noch nie wurde in Berlin so hemmungslos über rote Ampeln gefahren wie im vergangenen Jahr, auch die Zahl der Raser*innen nahm drastisch zu. Kein Wunder, denn Konsequenzen muss man eher selten fürchten. In keiner anderen deutschen Großstadt gibt es laut dem bundesweiten Vergleich eines Automobilclubs so wenige fest installierte Blitzer wie in Berlin: Gerade einmal 16 (funktionierende) davon listet die Polizei; die Zahl ist seit vielen Jahren fast unverändert.
Und auch die mobilen Kontrollen, die schon seit Jahren rückläufig sind, nahmen 2017 noch einmal stark ab. Das ergibt sich aus einer Bilanz, die das Polizeipräsidium dem Tagesspiegel auf Anfrage vorgelegt hat. Die Radarwagen der Polizei kamen letztes Jahr auf 18.703 Einsatzstunden – 20 Prozent weniger als 2016, rechnerisch war damit jeder der 21 Radarwagen täglich nicht einmal zweieinhalb Stunden im Einsatz. Die Handlaser wurden im Mittel 18 Minuten am Tag benutzt.
In Xhain gibt es nur einen Blitzer, der das Überfahren roter Ampeln registriert, an der Kreuzung Hallesches Ufer und Schöneberger Straße. 2017 wurden gegen 2.528 Verkehrssünder*innen Verfahren eingeleitet, die dort das Rotlicht missachtet hatten; damit liegt der Blitzer im Berlin-Ranking auf Platz 6. Die Anlage erfasst auch Geschwindigkeitsverstöße, insgesamt 3.861 im vergangenen Jahr. Raser*innen bekommen im Bezirk noch an zwei weiteren Stellen ein Foto: Der Blitzer an der Ecke Mehringdamm und Bergmannstraße registrierte 3.243 Verstöße, der dritte an der Frankfurter Allee stolze 8.709. Zum Glück soll sich das ändern: In der rot-rot-grünen Koalitionsvereinbarung steht, dass „an Unfallschwerpunkten und in sensiblen Bereichen“ Tempo- und Rotlichtverstöße „mit mobilen und fest installierten Anlagen stärker überwacht werden“ sollen. Im Doppelhaushalt 2018/19 ist Geld für jährlich zehn neue Anlagen eingeplant, die Standorte seien noch nicht entschieden, heißt es bei der Polizei.
Rasen und über rote Ampeln fahren sind dabei nur zwei von vielen möglichen Vergehen im Straßenverkehr, wie eine Verkehrskontrolle auf der Wahrschauer Straße vergangene Woche zeigte: Fast die Hälfte der 142 angehaltenen Fahrer*innen bekamen eine Anzeige, fünf wurde die Weiterfahrt verboten, drei Fahrzeuge wurden sichergestellt, darunter ein LKW mit durchgerosteter Bremsanlage. Sechs Fahrer*innen wurden auf Drogen getestet, zwei fuhren ohne Fahrerlaubnis, ein Führerschein war gefälscht. Übrigens: Nach Tagesspiegel-Informationen liegt die Auslöseschwelle von Blitzern, die Geschwindigkeitsübertritte registrieren, in Berlin bei 9 km/h über dem Limit. Wer also mit Tempo 58 durch die Stadt braust, kommt unbehelligt davon, solange kein Unfall passiert.
Doch Unfälle geschehen – häufig mit fatalen Folgen für die Opfer. So auch am Montag am Kottbusser Tor, wo eine Fußgängerin von einem abbiegenden LKW getötet wurde. Nach Polizeiangaben bog der lange Sattelzug von der Kottbusser Straße nach rechts zur Skalitzer Straße in Richtung Schlesisches Tor ab, als er die 63-Jährige erfasste, die sofort tot war. Der genaue Ablauf des Unfalls ist noch unklar. Zur genauen Ermittlung des Unfallherganges hofft die Polizei nun auf Aussagen von Zeug*innen, die das Unglück erlebt haben. Diese werden dringend gebeten, sich bei den Ermittler*innen unter der Telefonnummer (030) 4664-572800 zu melden oder Kontakt mit einer anderen Polizeidienststelle aufzunehmen.
Am Dienstag veranstaltete die Initiative „Changing Cities“ eine Mahnwache für die Verstorbene. Dabei wurden auch die politisch Verantwortlichen aufgerufen, schnell etwas zum Schutz von Verkehrsteilnehmenden vor abbiegenden Lastern zu tun. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) forderte in einem Tweet ebenfalls, dass „LKWs so ausgestattet werden müssen, dass ‚Unsichtbarkeit‘ nicht mehr möglich ist“ und mehr Umsicht von den Fahrer*innen.
Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter nele.jensch@extern.tagesspiegel.de. Der Autorin auf Twitter folgen: @n_jensch