Intro

von Nele Jensch

Veröffentlicht am 01.11.2018

Kleiner Bezirk mal wieder ganz groß: Nicht nur überregionale Medien, sondern sogar die BBC berichten über den Rückzug Googles aus dem alten Umspannwerk. Natürlich wird diskutiert, was das für Kreuzberg bedeutet. Opposition und Start-up-Branche sehen den wirtschaftlichen Untergang Kreuzbergs, wenn nicht ganz Berlins besiegelt: Der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Christian Gräff, sagte, Googles Rückzug schädige „den Ruf Berlins weit über die Landesgrenzen hinaus“. Florian Nöll, Chef des Startup-Bundesverbands, beklagt die Untätigkeit der Politik und erklärt Kreuzberg kurzerhand zur „No-Go-Area für Tech-Unternehmen“. Sogar Welt-Chef Ulf Poschardt fragt auf Twitter, ob „die heroische FDP“ eigentlich die einzige Partei sei, die sich darüber empöre (Nö, die CDU findet’s auch schlimm: Kurt Wanser erklärt, dass „mal wieder eine große Chance für unseren Bezirk“ verloren gehe. „Die angebliche Sorge um Gentrifizierung dient erneut als Vorwand um eine Weiterentwicklung des Bezirkes zu sabotieren“, so Wanser.) Und der Bezirksverordnete Michael Heihsel (FDP) mutmaßt, dass Berlin wohl ein „Krexit“ bevorstehe.

Der Hauptvorwurf der Kritiker*innen an die Politik lautet, dass sie sich von einer „lauten Minderheit“ lenken ließe und wirtschaftsfeindlich agiere. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) beteuert, dass das Google-Aus keineswegs ein generelles für neue Unternehmer*innen im Bezirk sei: „Unternehmen, kleine und große, sind bei uns herzlich willkommen und Teil der berühmten Kreuzberger Mischung.“ Sie freue sich allerdings darüber, dass sich statt Google nun soziale Initiativen im Umspannwerk ansiedeln.

Und auch andere scheinen sich zu freuen – oder zumindest die Gunst der Stunde zu nutzen: Der Spandauer Baustadtrat Frank Bewig (CDU) warb am Montag in einem Schreiben an Google-Deutschland-Chef Philipp Justus dafür, dass dieser den Campus doch in der Trabantenstadt ansiedeln solle. Spandau verstehe sich als „ein Standort, der in Zukunftsinvestitionen Chancen sieht und sich nicht davon bedroht fühlt“, so Bewig. Auch die Lichtenberger CDU versucht Google zu bezirzen: „Google ist herzlich eingeladen nach Lichtenberg zu schauen und in zentraler Lage die Campusidee anzupacken“, so Gregor Hoffmann, Fraktionsvorsitzender der CDU-Fraktion Lichtenberg, wie Kollege Paul Lufter im Leute-Newsletter Lichtenberg bereichtet.

Gentrifizierungskritische Aktivist*innen verbuchen das Aus für den Kreuzberger Campus natürlich als Erfolg – und wollen weiter für protestieren: Gegen die „Factory Berlin“, das Luxushotel „Orania“ und das geplante Start-up-Zentrum am Oranienplatz, für dass die „Denkerei“ weichen muss (siehe Namen und Neues). Übrigens: Auch jenseits von Kreuzberg haben Start-up-Unternehmer*innen in Berlin Probleme: mit der Senatspolitik, der Bürokratie – und dem langsamen Internet. Insofern sollte Google vielleicht tatsächlich in Erwägung ziehen, nach Spandau zu gehen – das ist schließlich nicht Berlin.

Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter leute-n.jensch@tagesspiegel.de

Anzeige