Intro

von Corinna von Bodisco

Veröffentlicht am 15.11.2018

Loslösung von den Vögeln. Haben Sie in den letzten Wochen gen Himmel geschaut? Die Vögel finden nicht mehr genug Futter und verlassen instinktiv ihr Zuhause. Die Zeit der Loslösung ist in vollem Gange: 500 Millionen Vögel ziehen nach Angaben des Naturschutzbundes durch Deutschland, Ende Oktober begann die Saison in Brandenburg.

Loslösung vom Posttower als Wohntower. Richtung Himmel strebt auch das Bauwerk am Halleschen Ufer, um das in den letzten Monaten in zahlreichen Formen (Riesenplakat, Prozess, Talkshow) gestritten wurde. Nun steht ein Neustart des Projektes an, Bezirk (Florian Schmidt, Grüne) und Investor Christoph Gröner haben sich vom Streiten losgelöst. Beim Betrachten des Ergebnisses wundert dies: Der Turm bleibt, was er ist – eine Gewerbeimmobilie. Zur Erinnerung: Nach dem ursprünglichen Konzept waren vor allem Wohnungen im Verhältnis 70 zu 30 Prozent Gewerbe geplant.

Loslösung von beiden Seiten. „Er (Gröner) hat nachgegeben, aber wir auch“ und zumindest entstünden im Turm keine Luxuswohnungen, meint Baustadtrat Schmidt. Die Degewo kauft der CG-Gruppe die Grundstücke rund um den Turm ab, um dort 311 Mietwohnungen zu errichten. Zunächst soll aber die Bezirksverordnetenversammlung die Einigung bewerten. Die FPD Xhain kündigte via Twitter schon mal an, dass sie mit dem Deal nicht einverstanden ist.

Loslösung von traditionellen Verfahren. Architekt Matthias Sauerbruch, für den Masterplan des Posttowers verantwortlich, schrieb Schmidt in Reaktion auf seinen provokanten Tweet („Ich merke mir übrigens welche Architekt*innen für spekulative Eigentümer arbeiten […]“) einen offenen Brief. In diesem kritisiert er unter anderem, dass durch die Auslagerung der Wohnungen aus dem Tower ein monokulturelles Wohnquartier entstünde und kein durchmischtes, wie ursprünglich geplant.

Sich lieber von 628 teuren für 311 günstige Wohnungen loslösen. Schmidt hingegen nimmt in seiner Antwort Details des Konzepts genauer unter die Lupe: Die möblierten, kleinen Wohnungen wären zeitlich befristet und teuer vermietet worden. Überdies habe die Nachbarschaft kein Mitspracherecht erhalten und wurde mit einem detaillierten Konzept vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Baustadtrat verweist auf die bezirkliche Strategie zur Förderung von gemeinwohlorientierten und experimentellen Neubauprojekten: die Plattform LokalBau. Diese solle künftig alle Akteurinnen zusammenbringen und traditionelle Verfahren (Wettbewerbe) ergänzen oder ersetzen.

P.S. Temporäres Experiment: Loslösung vom Gendersternchen. Liebe Leserinnen, in diesem Newsletter schreibe ich, statt wie gewohnt mit dem Gendersternchen, im generischen Femininum. Wenn von „Leserinnen“ die Rede ist, sind alle Geschlechter und die „Leser“ mitgemeint. Vergangenes Jahr erhielt ich so manche E-Mail: Die Sternchen-Konstruktionen störten den Lesefluss. Das sehe ich nicht so, meines Erachtens bedarf es schlichtweg der Gewöhnung. Um aber auf Ihre Hinweise einzugehen, starte ich hiermit das Experiment „GenFem NL Xhain“.

Corinna von Bodisco ist freie Autorin beim Tagesspiegel, lebt in Kreuzberg und schreibt überall. Wenn sie nicht gerade wieder umzieht, schneidet sie vermutlich an ihren Hörstücken. Neue Themenideen und Kritik liest sie gerne per E-Mail oder auf Twitter.

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