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von Nele Jensch

Veröffentlicht am 12.09.2019

„Ich gehe in Berlin in gar keine Parks“ – das sagte die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann in einem heute erschienen Interview in der „Welt“ (€). Als Frau sei ihr das zu gefährlich, antwortete die Grünen-Politikerin auf die Frage, ob sie in der Dunkelheit durch den Görlitzer Park laufe. Sie räumte im Interview ein, dass der Zustand im Park „nicht tragbar“ sei – und das, obwohl sie bisher die Strategie im Umgang mit den Dealer*innen verteidigte. Der Park ist seit langem bekannt für seine zahlreichen Dealer*innen und den kontroversen Umgang des Bezirks mit dieser Problematik. Herrmann sagte der „Welt“, es sei Aufgabe der Polizei, die Situation zu ändern, sie könne sich nur mit der Situation arrangieren, die sie vorfinde. „Wir brauchen an bestimmten Orten deutlich mehr polizeiliche Dauerpräsenz“, so Herrmann.

Auch Politiker*innen anderer Parteien äußerten sich schon zu Herrmanns Ausspruch. „Alle Beteiligten, also Senat, Bezirk, Zivilgesellschaft genau wie Polizei und Justiz, sollten sich an einen Tisch setzen und einen Weg finden, die Situation zu verbessern“, forderte etwa der innenpolitische Sprecher der SPD in Berlin, Tom Schreiber. Burkard Dregger, Fraktionsvorsitzender der CDU im Abgeordnetenhaus, dagegen meint, Hermann müsse sich fragen, „was sie in ihrem Bezirk falsch gemacht hat.“ Weitere Reaktionen lesen Sie hier: tagesspiegel.de.

Der Umgang mit Drogenkranken und Dealer*innen stellt eine Gesellschaft mitunter vor große Herausforderungen: Die meisten von uns sind sich bewusst, dass auch Menschen, die irgendwann abgeglitten sind, zu uns gehören – und vor allem Unterstützung brauchen. Leicht fällt das trotzdem nicht immer: zum Beispiel den Anwohnenden des Marheinekeplatzes in der Bergmannstraße, der sich in den letzten Jahren zu einem Treffpunkt der Junkieszene entwickelt hat. „Mit der Methadon-Ausgabestelle in der Heimstraße hat es angefangen und jetzt wird es Jahr für Jahr schlimmer“, erzählte Anwohnerin Silvia Liebenau meinem Kollegen Niklas Liebetrau.

Benutzte Spritzen auf dem Spielplatz, lautes Gegröle und körperliche Auseinandersetzungen seien seitdem an der Tagesordnung. Gemeinsam mit ihrer Nachbarin engagiert sich Liebenau nun seit zwei Jahren dafür, auf dem Marheinekeplatz wieder ein, wie sie es nennt, „ausgewogenes Klima“ herzustellen. Auch Bürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) war bereits vor Ort: „Sie war sehr aufgeschlossen für die Problematik“, sagt Liebenau. „Letztlich hatte ich aber das Gefühl, als sei sie ein bisschen machtlos.“ Geschehen sei seitdem zumindest nichts.

In einem Bericht des ARD-Magazins „Kontraste“ werden Anwohnende des Görlitzer Parks noch deutlicher in ihrer Kritik an der Politik des Bezirks in Sachen Drogenhandel und-Konsum: „Ich wohne hier seit 20 Jahren, ich muss ausbaden, dass es kein vernünftiges Konzept gibt“, beklagt eine Anwohnerin. Denn Anwohner*innen und Passant*innen fühlen sich von den Dealer*innen gestört und sehen sich als Leidtragende der laxen Berliner Drogenpolitik. Bürgermeisterin Herrmann hält in dem Beitrag dagegen: Es sei ein Anliegen der Anwohnenden und engagierten Nachbarschaft gewesen, die Dealer*innen nicht des Parks zu verweisen – „keine Gruppe soll ausgeschlossen werden“, so Herrmann.

Das ist natürlich ein richtiges und wichtiges Anliegen – doch ausgeschlossen fühlen sich mittlerweile auch Bürger*innen, die aufgrund der hohen Frequenz, mit der selbst Jugendliche und Kinder im Görli von Dealer*innen angesprochen werden, nicht mehr in den Park gehen. Ich selbst halte es grundsätzlich meistens wie die Bürgermeisterin und meide Parks im Dunkeln – auch wenn der Versuch, mir illegale Substanzen aufzuschwatzen, dabei ehrlich gesagt mein geringster Grund zur Sorge ist. Man kann ja nein sagen. Und aggressiv habe ich persönlich die Dealer*innen im Görli noch nicht erlebt (was die Problematik aber nicht relativieren soll).

Und Sie? Gehen Sie nachts durch Parks, ganz unabhängig von Ihrem Geschlecht? Oder gibt es Orte, die Sie sogar tagsüber meiden? Wir freuen uns über Ihre Meinungen und Erfahrungen, schreiben Sie mir gerne an nele.jensch@extern.tagesspiegel.de. Über eine schlimme Erfahrung, die ein Vater mit den Hinterlassenschaften von Drogenkranken machen musste, lesen Sie übrigens weiter unten in „Namen&Neues“.

Nele Jensch ist freie Autorin beim Tagesspiegel. Offiziell wohnt sie zwar auf der Neuköllner Seite des Landwehrkanals, aber gefühlt ist die ja schon lange in Kreuzberg eingemeindet. Über Post freut sie sich auch unter nele.jensch@extern.tagesspiegel.de

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Dieser Artikel wurde als Leseprobe dem Tagesspiegel-Newsletter für Friedrichshain-Kreuzberg entnommen. Den – kompletten – Xhain-Newsletter mit exklusiven Nachrichten, Tipps, Terminen und mehr gibt es unkompliziert und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de
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